EINBAHNSTRASSE
VON
WALTER BENJAMIN
1928
ERNST ROWOHLT VERLAG • BERLIN
COPYRIGHT 1S27 BY ERNST[ROWOHLT VERLAG
GEDRUCKT BEI POESCHEL. & TREPTE • LEIPZIG
PRINTED IN GERMANY
KGAA • BERLIN W 35
D1ESE STRASSE HEISST
ASJA-LACES-STRASSE
NACH DER DIE S1E
ALS BNGENSEUR
IM AUTOR DURCHGEBROCHEN HAT
TANKSTELLE
Die Konstruktion des Lebens liegt im Augenblick weit
mehr in der Gewalt von Fakten als von Uberzeugungen.
Und zwar von solchen Fakten, wie sie zur Grundlage von
Uberzeugungen fast nie nocb und nirgend geworden sind.
Unter diesen Umstanden kann wabre literariscbe Aktivi-
tat nicbt beanspruchen, in literariscbem Rabmen sicb ab-
zuspielen - vielmehr ist das der ubliche Ausdruck ihrer
Unfrucbtbarkeit. Die bedeutende literariscbe Wirksam-
keit kann nur in strengem Wechsel von Tun und Schreiben
zustande kommen; sie muB die unscbeinbaren Formen,
die ihrem EinfluB in tatigen Gemeinschaften besser ent-
sprecben als die ansprucbsvolle universale Geste des
Bucbes in Flugblattern, Broscbiiren, Zeitscbriftartikeln
und Plakaten ausbilden. Nur diese prompte Spracbe zeigt
sicb dem Augenblick wirkend gewacbsen. Meinungen sind
fur den Riesenapparat des gesellschaftlicben Lebens, was
01 fiir Maschinen ; man stellt sicb nicbt vor eine Turbine
und ubergieBt sie mit Mascbinenol. Man spritzt ein wenig
davon in verborgene Nieten und Fugen, die man kennen
muB.
FRUHSTUCKSSTUBE
Eine Volksuberlieferung warnt, Traume am Morgen niicb-
tern zu erzablen. Der Erwacbte verbleibt in diesem Zu-
stand in der Tat noch im Bannkreis des Traumes. Die
Wascbung namlicb ruft nur die Oberflache des Leibes und
seine sicbtbaren motoriscben Funktionen ins Licht hinein,
wogegen in den tieferen Scbichten aucb wahrend der mor-
gendlichen Reinigung die graue Traumdammerung ver-
harrt, ja in der Einsamkeit der ersten wacben Stunde sicb
festsetzt. Wer die Beriihrung mit dem Tage, sei es aus
Menschenfurcht, sei es um innerer Sammlung willen,
scheut, der will nicht essen und verschmaht das Friihstiick.
Derart vermeidet er den Bruch zwischen Nacht- und Tag-
welt. Eine Behutsamkeit, die nur durch die Verbrennung
des Traumes in konzentrierte Morgenarbeit, wenn nicht
im Gebet, sich recbtfertigt, anders aber zu einer Ver-
mengung der Lebensrhythmen fiihrt. In dieser Verfassung
ist der Bericht ilber Traume verhangnisvoll, weil der
Mensch, zur Halfte der Traumwelt nocb verschworen, in
seinen Worten sie verrat und ibre Rache gewartigen muiJ.
Neuzeitlicber gesprochen: er verrat sich selbst. Dem
Schutz der traumenden Naivitat ist er entwachsen und
gibt, indem er seine Traumgesicbte ohne Uberlegenheit
beriibrt, sicb preis. Denn nur vom anderen Ufer, von dem
hellen Tage aus, darf Traum aus uberlegener Erinnerung
angesprocben werden. Dieses Jenseits vom Traum ist nur
in einer Reinigung erreicbbar, die dem Wascben analog,
jedoch ganzlicb von ihm verschieden ist. Sie geht durch
den Magen. Der Nuchterne spricbt von Traum, als sprache
er aus dem Schlaf.
MR, 113
„Die Stunden, welche die Gestalt enthalten,
Sind in dem Haus des Traumes abgelaufen. "
SOUTERRAIN
Wir haben langst das Ritual vergessen, unter dem das
Haus unseres Lebens aufgefiihrt wurde. Wenn es aber
gestiirmt werden soil und die feindlicben Bomben sehon
einschlagen, welch ausgemergelte, verschrobene Alter-
tiimer legen sie da in den Fundamenten nicht blofi. Was
ward nicht alies unter Zauberformeln eingesenkt und auf-
geopfert, welch schauerliches Raritatenkabinett da unten,
wo dem Alltaglichsten die tiefsten Schachte vorbehalten
sind. In einer Nacht der Verzweiflung sah ich im Traum
mich mit dem ersten Kameraden meiner Schulzeit, den
ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr kenne und je in
dieser Frist auch kaum erinnerte, Freundschaft und Brii-
derschaft stiirmisch erneuern. Im Erwachen aber wurde
mir klar: was die Verzweiflung wie ein SprengschuB an
den Tag gelegt, war der Kadaver dieses Menschen, der da
eingemauert war und machen sollte: wer hier einmal
wohnt, der soil in nichts ihm gleichen.
VESTIBtlL
Besuch im Goethehaus. Ich kann mich nicht entsinnen,
Zimmer im Traume gesehen zu haben. Es war eine Flucht
getiinchter Korridere wie in einer Schule. Zwei altere eng-
lische Besucherinnen und ein Kustos sind die Traum-
statisten. Der Kustos fordert uns zur Eintragung ins
Fremdenbuch auf, das am auBersten Ende eines Ganges
auf einem Fensterpult geoffnet lag. Wie ich hinzutrete,
finde ich beim Blattern meinen Namen schon mit groBer
ungefiiger Kinderschrift verzeichnet.
SPEISESAAL
In einem Traume sah ich mich in Goethes Arbeitszimmer.
Es hatte keine Ahnlichkeit mit dem zu Weimar. Vor allem
war es sehr klein und hatte nur ein Fenster. An die ihm
gegenuberliegende Wand stieB der Schreibtisch mit seiner
Schmalseite. Davor saB schreibend der Dichter im hoch-
sten Alter. Ich hielt mich seitwarts, als er sich unterbrach
und eine kleine Vase, ein antikes GefaB, mir zum Geschenk
gab. Ich drehte es in den Handen. Eine ungeheure Hitze
herrschte im Zimmer. Goethe erhob sich und trat mit mir
in den Nebenraum, wo eine lange Tafel fur meine Ver-
wandtschaft gedeckt war. Sie schien aber fur weit mehr
Personen bereehnet, als diese zahlte. Es war wohl fur die
Ahnen mitgedeckt. Am rechten Ende nabm ich neben
Goethe Platz. Als das Mahl vorftber war, erhob er sich
miihsam und mit einer Geberde erbat ich Verlaub, ihn zu
stutzen. Als ich seinen Ellenbogen beriihrte, begann ich
vor Ergriffenheit zu weinen.
FUR EVlANNER
Uberzeugen ist unfruchtbar.
NORMALUHR
Den Groflen wiegen die vollendeten Werke leichter als
jene Fragmente, an denen die Arbeit sich durch ihr Leben
zieht. Denn nur der Schwachere, der Zerstreutere hat
seine unvergleichliche Freude am AbschlieBen und filhlt
damit seinem Leben sich wieder geschenkt. Dem Genius
fallt jedwede Zasur, fallen die schweren Schicksalsschlage
wie der sanfte Schlaf in den Fleifi seiner Werkstatt selber.
Und deren Bannkreis zieht er im Fragment. „Genie ist
Fleifi."
ICEHRE ZURUCK! ALLES VERGEBEN!
Wie einer, der am Reck die Riesenwelle schlagt, so schlagt
man selber als Junge das Gliicksrad, aus dem dann fruher
oder spater das grofie Los fallt. Denn einzig, was wir schon
mit fiinfzebn wuBten oder iibten, macht eines Tages unsere
Attrativa aus. Und darum laBt sich eines nie wieder gut
macben: versaumt zu haben, seinen Eltern fortzulaufen.
Aus acbtundvierzig Stunden Preisgegebenheit in diesen
Jahren schieBt wie in einer Lauge der Kristall des Lebens-
gliicks zusammen.
HOCHHERRSCHAFTLICH MOBLIERTE
ZEHNZIMMERWOHNUPIG
Vom Mobelstil der zweiten Halite des neunzehnten Jahr-
hunderts gibt die einzig zulfingliche Darstellung und Ana-
lysis zugleich eine gewisse Art von Kriminalromanen, in
deren dynamischem Zentrum der Schrecken der Wohnung
steht. Die Anordnung der Mobel ist zugleich der Lageplan
der todlichen Fallen und die Zimmerflucbt schreibt dem
Opfer die Flucbtbahn vor. DaB gerade diese Art des Kri-
minalromans mit Poe beginnt ~ zu einer Zeit also, als solcbe
Behausungen noch kaum existierten — , besagt nichts da-
gegen. Denn ohne Ausnabme kombinieren die groBen
Dichter in einer Welt, die nacb. ihnen kommt, wie die
Pariser StraBen von Baudelaires Gedichten erst nachneun-
zehnbundert und aucb die Menschen Dostojewskis nicbt
fruber da waren. Das biirgerliche Interieur der secbziger
bis neunziger Jahre mit seinen riesigen, von Scbnitzereien
uberquollenen Bufetts, den sonnenlosen Ecken, wo die
Palme stebt, dem Erker, den die Balustrade verschanzt
und den langen Korridoren mit der singenden Gasflamme
wird adaquat allein der Leicbe zur Bebausung. „Auf die-
sem Sofa kann die Tante nur ermordet werden." Die
seelenlose Uppigkeit des Mobiliars wird wahrbafter Kom-
fort erst vor dem Leichnam. Viel interessanter als der
landschaftliche Orient in den Kriminalromanen ist jener
tippige Orient in ihren Interieurs : der Perserteppich und
die Ottomane, die Ampel und der edle kaukasische Dolch.
Hinter den schweren gerafFten Kelims feiert der Hausherr
seine Orgien mit den Wertpapieren, kann sich als morgen-
landischer Kaufherr, als fauler Pascha im Khanat des
faulen Zaubers fiihlen, bis jener Dolch im silbernen Ge-
hange uberm Divan eines schonen Nachmittags seiner
Siesta und ihm selber ein Ende macbt. Dieser Cbarakter
der biirgerliehen Wohnung, die nacb dem namenlosen
Morder zittert, wie eine geile Greisin nacb dem Galan, ist
von einigen Autoren durcbdrungen worden, die als „Kri-
minalschriftsteller" - vielleicbt auch, weil in ibren Schrif-
ten sich ein Stuck des btirgerlichen Pandamoniums aus-
pragt — um ihre gerechten Ehren gekommen sind. Conan
Doyle hat, was hier getroffen werden soil, in einzelnen
seiner Schriften, in einer groBen Produktion hat die
Schriftstellerin A. K. Green es berausgestellt und mit dem
„Phantom der Oper", einem der groBen Romane fiber das
neunzehnte Jahrhundert; Gaston Leroux dieser Gattung
zur Apotheose verholfen.
12 1
CHINAWAREN
In diesen Tagen darf sich niemand auf das versteifen,
was er „kann". In der Improvisation liegt die Starke. Alle
entscheidenden Schlage werden mit der linken Hand ge-
fiihrt werden.
Ein Tor befindet sich am Anfang eines langen Weges, der
bergab zu dem Hause von . . . leitet, die ich allabendlicb
besuchte. Als sie ausgezogen war, lag die OfFnung des Tor-
bogens von nun an wie eine Ohrmuschel vor mir, die das
Gehor verloren hat.
Ein Kind, im Nachthemd, ist nicht zu bewegen, einen ein-
tretenden Besuch zu begriiBen. Die Anwesenden, vom
hoheren sittlichen Standpunkt aus, reden ihm, um seine
Priiderie zu bezwingen, vergeblich zu. Wenige Minuten
spater zeigt es sich, diesmal splitternackt, dem Besucher.
Es batte sich inzwischen gewaschen.
Die Kraft der LandstraBe ist eine andere, ob einer sie geht
oder im Aeroplan druber hinfliegt. So ist auch die Kraft
eines Textes eine andere, ob einer ihn liest oder abschreibt.
Wer fliegt, sieht nur, wie sich die StraBe durch die Land-
schaft schiebt, ihm rollt sie nach den gleichen Gesetzen
ab wie das Terrain, das herum liegt. Nur wer die StraBe
geht, erfahrt von ihrer Herrschaft und wie aus eben jenem
Gelande, das fur den Flieger nur die aufgerollte Ebene ist,
sie Fernen, Belvederes, Lichtungen, Prospekte mit jeder
ihrer Wendungen so herauskommandiert, wie der Ruf des
Befehlshabers Soldaten aus einer Front. So kommandiert
allein der abgeschriebene Text die Seele dessen, der mit
ihm beschaftigt ist, Wahrend der bloBe Leser die neuen
Ansichten seines Innern nie kennen lernt, wie der Text,
jene StraBe durch den immer wieder sich verdichtenden
inneren Urwald sie bahnt: weil der Leser der Bewegung
seines Ich im freien Luftbereich der Traumerei gehorcht,
der Abschreiber aber sie kommandieren laBt. Das chine-
sische Biicherkopieren war daher die unvergleichliche
Burgschaft literarischer Kultur und die Abschrift ein
Schliissel zu Chinas Ratseln.
HANDSCHUHE 14
Beim Ekel vor Tieren ist die beh.errsch.ende Empfindung
die Angst, in der Bertihrung von ihnen erkannt zu werden.
Was sich tief im Menschen entsetzt, ist das dunkle Be-
wuBtsein, in ihm sei etwas am Leben, was dem ekel-
erregenden Tiere so wenig fremd sei, dafi es von ihm er-
kannt werden konne. - Aller Ekel ist ursprtinglich Ekel *
vor dem Beriihren. Tiber dieses Geftihl setzt sogar die Be-
meisterung sich nur mit sprunghafter, tiberschieBender Ge-
berde hinweg : das Ekelhafte wird sie heftig umschlingen,
verspeisen, wahrend die Zone der feinsten epidermalen
Bertihrung tabu bleibt. Nur so ist dem Paradox der mo-
ralischen Forderung zu gentigen, welche gleichzeitig Uber-
windung und subtilste Ausbildung des Ekelgeftihls vom
Menschen verlangt. Verleugnen darf er die bestialische
Verwandtschaft mit der Kreatur nicht, auf deren Anruf
sein Ekel erwidert : er muB sich zu ihrem Herrn machen.
MEXIKAN1SCHE BOTSCHAFT
„ Je ne passe jamais devant un, fetiche de bois, im
Bouddha dore,um idole mexicaine sans me dire: C'est
peut-Stre le vrai dieu." Charles Baudelaire
Mir traumte, als Mitglied einer forschenden Expedition in
Mexiko zu sein. Nachdem wir einen hohen Urwald durch-
messen hatten, gerieten wir auf ein oberirdisches Hohlen-
system im Gebirge, wo aus der Zeit der ersten Missionare
ein Orden sich bis jetzt gehalten hatte, dessen Briider
unter den Einheimischen das Bekehrungswerkfortsetzten.
In einer unermefilichen und gotisch spitz geschlossenen
Mittelgrotte fand Gottesdienst nach dem altesten Ritus
statt. Wir traten hinzu und bekamen sein Hauptstuck zu
sehen: gegen ein holzernes Brustbild Gottvaters, das
irgendwo an einer Hohlenwand in grofier Hohe angebracht
sich zeigte, wurde von einem Priester ein mexikanischer
Fetisch erhoben. Da bewegte das Gotteshaupt dreimal
verneinend sich von rechts nach links.
DIESE ANPFLANZUNQEN
S1ND DEM SCHUTZE DES
PUBLIfCUMS EMPFOHLEN
Was wird „gelost"? Bleiben nicht alle Fragen des gelebten
Lebens zuriick wie ein Baumschlag, der uns die Aussicbt
verwehrte? Daran, ibn auszuroden, ihn aucb nur zu lich-
ten, denken wir kaum. Wir schreiten weiter, lassen ihn
hinter uns und aus der Feme ist er zwar iibersehbar, aber
undeutlich, schattenhaft und desto ratselhafter ver-
schlungen.
Kommentar und tfbersetzung verhalten sich zum Text
wie Stil und Mimesis zur Natur : dasselbe Phanomen unter
verschiedenen Betrachtungsweisen. Am Baum des heiligen
Textes sind beide nur die ewig rauschenden Blatter, am
Baume des profanen die rechtzeitig fallenden Frtichte.
Wer liebt, der hangt nicht nur an „Fehlern" der Gelieb-
ten, nicht nur an Ticks und Schwachen einer Frau, ihn
binden Runzeln im Gesicht und Leberflecken, vernutzte
Kleider und ein schiefer Gang viel dauernder und unerbitt-
licher als alle Schonheit. Man hat das langst erfahren.
Und warum? Wenn eine Lehre wahr ist, welche sagt,
dafi die Empfindung nicht im Kopfe nistet, daB wir ein
Fenster, eine Wolke, einen Baum nicht im Gehim, viel-
mehr an jenem Ort, wo wir sie sehen, enipfinden, so sind
wir auch im Blick auf die Geliebte aufier uns. Hier aber
qualvoll angespannt und hingerissen. Geblendet flattert
die Empfindung wie ein Schwann von Vogeln in dem
Glanz der Frau. Und wie Vogel Schutz in den laubigen
Verstecken des Baumes suchen, so fltichten die Empfin-
dungen in die schattigen Runzeln, die anmutlosen Gesten
und unscheinbaren Makel des geliebten Leibs, wo sie ge-
sichert im Versteck sich dueken. Und kein Voriibergehen-
der errat, dafi gerade hier, im Mangelhaften, Tadelns-
werten die pfeilgeschwinde Liebesregung des Verehrers
nistet.
16
BAUSTELLE
Pedantiseh fiber Herstellung von Gegenstanden — An-
sehauungsmitteln, Spielzeug oder Biichern — die sich fur
Kinder eignen sollen, zu grubeln, ist toricht. Seit der
Aufklarung ist das eine der muffigsten Spekulationen
der Padagogen. Ihre Vergaffung in Psychologie hindert sie
zu erkennen, daU die Erde voll von den unvergleichHch-
sten Gegenstanden kindlicher Aufmerksamkeit und Ubung
ist. Von den bestimmtesten. Kinder namlich sind auf be-
sondere Weise geneigt, jedwede Arbeitsstatte aufzusuchen,
wo sichtbar die Betatigung an Dingen vor sich gebt.- Sie
fuhlen sich unwiderstehlich vom Abfall angezogen, der
beim Bauen, bei Garten- oder Hausarbeit, beim Schnei-
dern oder Tischlern entsteht. In Abfallprodukten erkennen
sie das Gesicht, das die Dingwelt gerade ihnen, ihnen
allein, zukehrt. In ihnen bilden sie die Werke der Erwach-
senen weniger nach, als dafi sie Stoffe sehr verschiedener
Art durch das, was sie im Spiel daraus verfertigen, in
erne neue, sprunghafte Beziehung zueinander setzen.
Kinder bilden sich damit ihre Dingwelt, eine kleine in
der grofien, selbst. Bie Normen dieser kleinen Dingwelt
muBte man im Auge haben, wenn man vorsatzhch fur die
Kinder schaffen will und es nicht vorzieht, eigene Tatig-
keit mit alledem, was an ihr Requisit und Instrument
ist, allein den Weg zu ihnen sich nnden zu lasseii.
I¥IIt*IISTERlUNS DES INNERI
Je feindlicher ein Mensch zum Uberkommenen stebt,
desto unerbittlicber wird er sein privates Leben den
Normen unterordnen, die er zu Gesetzgebern eines kom-
menden gesellschaftlichen Zustands erbeben will. Es ist,
als legten sie ihm die Verpfliebtung auf, sie, die nocb
nirgendwo verwirklicbt sind, zum mindesten in seinem
eigenen Lebenskreise vorzubilden. Der Mann jedoch,
der sich in Einklang mit den altesten Uberlieferungen
seines Standes oder seines Volkes weiB, stellt gelegent-
lich sein Privatleben ostentativ in Gegensatz zu den
Maximen, die er im offentlichen Leben unnachsichtlich
vertritt und wiirdigt ohne leiseste Beklemmung des Ge-
wissens sein eigenes Verbalten insgeheim als biindigsten
Beweis unerscbiitterlicher Autoritat der von ihm affi-
chierten Grundsatze. So unterscheiden sich die Typen des
anarcho-sozialistischen und des konservativen Politikers.
FLAGGE— —
Wie der Abschiednehmende leicnter geliebt wird! Weil
die Flamme fur den Sichentfernenden reiner brennt, ge-
nahrt von dem fluchtigen Streifen Zeug, der vom Schiff
oder Fenster des Zuges heruberwinkt. Entfernung dringt
wie Farbstoff in den Verschwindenden und durclitrankt
ihn mit sanfter Glut.
»«AUF HALBIVgASY
Stirbt ein sehr nahestehender Mensch uns dahin, so ist
in den Entwicklungen der nachsten Monate etwas, wo von
wir zu bemerken glauben, daB - so gern wir es mit ihm ge-
teilt hatten - nur durch sein Fernsein es sich entfalten
konnte. Wir grliBen ihn zuletzt in einer Spracbe, die er
schon nicht mehr versteht.
KAISEHPAK30S1A1VIA
REISE DURCH DIE DEUTSCHE INFLATION
I. In dem Scbatze jener Redewendungen, mit welchen
die aus Dummheit und Feigheit zusammengesebweifite
Lebensart des deutschen Burgers sich alltaglich verrat,
ist die von der bevorstehenden Katastropbe - indem es
ja „nicht mehr so weitergehen" konne — besonders denk-
wurdig. Die hilflose Fixierung an die Sicherheits- und
Besitzvorstellungen der vergangenen Jahrzehnte ver-
hindert den Durchschnittsmenschen, die hochst bemer-
kenswerten Stabilitaten ganz neuer Art, welche der gegen-
wartigen Situation zugrunde liegen, zu apperzipieren. Da
die relative Stabilisierung der Vorkriegsjahre ihn be-
giinstigte, glaubt er, jeden Zustand, der ibn depossediert,
fur tmstabil ansehen zu miissen. Aber stabile Verhaltnisse
brauchen nie und nimmer angenehme Verhaltnisse zu sein
und schon vor dem Kriege gab es Schichten, fiir welche
die stabilisierten Verhaltnisse das stabilisierte Elend
waren. Verfall ist um nichts weniger stabil, um nichts
wunderbarer als Aufstieg. Nur eine Rechnung, die im
Untergange die einzige ratio des gegenwartigen Zustandes
zu linden sich eingesteht, kame von dem erschlaffenden
Staunen tiber das alltaglich sich Wiederholende dazu, die
Erscheinungen des Verfalls als das schlechthin Stabile
und einzig das Rettende als ein fast ans Wunderbare und
Unbegreifliehe grenzendes Aufierordentlicb.es zu gewar-
tigen. Die Volksgemeinschaften Mitteleuropas leben wie
Einwohner einer rings umzingelten Stadt, denen Lebens-
mittel und Pulver ausgehen und fiir die Rettung mensch-
lichein Ermessen nach kaum zu erwarten. Ein Fall, in
dem Ubergabe, vielleicht auf Gnade oder Ungnade, aufs
ernsthafteste erwogen werden miifite. Aber die stumme,
unsichtbare Macht, welcher Mitteleuropa sich gegeniiber
fiihlt, verhandelt nicht. So bleibt nichts, als in der immer-
wahrendenErwartung des letzten Sturmangriffs auf nichts,
als das Aufierordentliche, das allein noch retten kann, die
Blicke zu richten. Dieser geforderte Zustand angespann-
tester klagloser Aufmerksamkeit aber konnte, da wir in
einem geheimnisvollen Kontakt mit den uns belagernden
Gewalten stehen, das Wunder wirklich herbeifiihren. Da-
hingegen wird die Erwartung, dafi es nicht mehr so weiter-
gehen konne, eines Tages sich darilber belehrt finden, dafi
es fiir das Leiden des einzelnen wie der Gemeinschaften
nur eine Grenze, uber die hinaus es nicht mehr weiter geht,
gibt : die Vernichtung.
II. Erne sonderbare Paradoxic: die Leute haben nur das
engherzigste Privatinteresse im Sinne, -wenn sie handeln,
zugleich aber werden sie in ihrexn Verhalten mehr als
jemals bestimmt durch die Instinkte der Masse. Und mebx
als jemals sind die Masseninstinkte irr und dem Leben
fremd geworden. Wo der dunkle Trieb des Tieres — wie
zahllose Anekdoten erzahlen - aus der nahenden Gefahr,
die noch unsichtbar scheint, den Ausgang findet, da ver-
fallt diese Gesellschaft, deren jeder sein eigenes niederes
Wohl allein im Auge hat, mit tierischer Dumpfheit aber
ohne das dumpfe Wissen der Tiere, als eine blinde Masse
jeder, auch der nachstliegenden Gefahr und die Ver-
schiedenbeit individueller Ziele wird belanglos vor der
Identitat der bestimmenden Krafte. Wieder und wieder
hat es sich gezeigt, daB ihr Hangen am gewohnten, nun
langst schon verlorenen Leben so starr ist, dafi es die
eigentlich menschliche Anwendung des Intellekts, Vor-
aussicht, selbst in der drastischen Gefahr vereitelt. So
dafi in ihr das Bild der Dummheit sich vollendet: Un-
sicherheit, ja Perversion der lebenswichtigen Instinkte
und Ohnmacht, ja Verfall des Intellekts. Dieses ist die
Verfassung der Gesamtheit deutscher Burger.
III. Alle naheren menschlichen Beziehungen werden von
einer fast unertraglichen durchdringenden Klarheit ge-
troffen, in der sie kaum standzuhalten vermogen. Denn
indem einerseits das Geld auf verheerende Weise im Mittel-
punkt aller Lebensinteressen steht, andererseits gerade
dieses die Schranke ist, vor der fast alle menschliche Be-
ziehung versagt, so verschwindet wie im Natiirlichen so
im Sittlichen mehr und mehr das unreflektierteVertrauen,
Ruhe und Gesundheit.
IV. Nicht umsonst pflegt man vom „nackten" Elend zu
sprechen. Was in seiner Scliaustellung, welche Sitte zu
werden begann unter dem Gesetz der Not und doch ein
Tausendstel nur vom Verborgenen sichtbar macht, das
Unheilvollste ist, das ist nicht das Mitleid oder das gleich
furchtbare BewuBtsein eigener Unberuhrtheit, das im
Betrachter geweckt wird, sondern dessen Scham. Un-
moglich, in einer deutschen G-roBstadt zu leben, in welcher
der Hunger die Elendsten zwingt, von den Scheinen zu
leben, mit denen die Voriibergehenden eine BloBe zu
decken suchen, die sie verwundet.
V. „Armut schandet nicht." Ganz wohl. Doch sie
schanden den Armen. Sie tun's und sie trosten ihn mit
dem Spruchlein. Es ist von denen, die man einst konnte
gelten lassen, deren Verfalltag nun langst gekommen. Nicht
anders wie jenes brutale „Wer nicht arbeitet, der soil auch
nicht essen". Als es Arbeit gab, die ihren Mann nahrte, gab
es auch Armut, die ihn nicht schandete, wenn sie aus MiB-
wachs und anderem Geschick ihn traf. Wohl aber schandet
dies Darben, in das Miliionen hineingeboren, Hundert-
tausende verstrickt werden, die verarmen. Schmutz und
Elend wachsen wie Mauern als Werk von unsichtbaren
Handen um sie hoch. Und wie der einzelne viel ertragen
kann fur sich, gerechte Scham aber filhlt, wenn sein Weib
es ihn tragen sieht und selber duldet, so darf der einzelne
viel dulden, solang er allein, und alles, solan g er's verbirgt.
Aber nie darf einer seinen Frieden mit Armut schlieBen,
wenn sie wie ein riesiger Schatten ilber sein Volk und sein
Haus fallt. Dann soil er seine Sinne wachhalten fur jede
Demiitigung, die ihnen zuteil wird und solange sie in
Zucht nehmen, bis sein Leiden nicht m :hr die abschiissige
StraBe des Grams, sondern den aufsteigenden Pfad der
Revoke gebahnt hat. Aber bier ist nicbts zu hoffen,
solange jedes furcbtbarste, jedes dunkelste Schicksal tag-
lich, ja stiindlich diskutiert durch die Presse, in alien
Scheinursachen und Seheinfolgen dargelegt, niemandem
zur Erkenntnis der dunklen Gewalten verhilft, denen sein
Leben borig geworden ist.
VI. Dem Auslander, welcher die Gestaltung des deut-
sehen Lebens obenbin verfolgt, der gar das Land kurze
Zeit bereist hat, erscheinen seine Bewohner nicht minder
fremdartig als ein exotischer Volksschlag. Ein geistreicber
Franzose hat gesagt : „In den seltensten Fallen wird sich
ein Deutseher iiber sich selbst klar sein. Wird er sich ein-
mal klar sein, so wird er es nicht sagen. Wird er es sagen,
so wird er sich nicht verstandlich machen." Diese trost-
lose Distanz bat der Krieg nicht etwa nur durcb die wirk-
lichen und legendaren Schandtaten, die man von Deut-
schen berichtete, erweitert. Was vielmehr die groteske
Isolierung Deutschlands in den Augen anderer Europaer
erst vollendet, was in ihnen im Grunde die Einstellung
schafft, sie hatten es mit Hottentotten in den Deutschen
zu tun (wie man dies sehr richtig genannt hat), das ist die
Auiienstehenden ganz unbegreifliche und den Gefangenen
vollig unbewufite Gewalt, mit welcher die Lebensum-
stande, das Elend und die Dummbeit auf diesem Sehau-
platz die Menschen den Gemeinschaftskraften untertan
machen, wir nur das Leben irgendeines Primitiven von den
Clangesetzlichkeiten bestimmt wird. Das europaischste
aller Gttter, jene mehr oder minder deutliche Ironie, mit
der das Leben des einzelnen disparat dem Dasein jeder
Gemeinschaft zu verlaufen beansprucht, in die er verschla-
gen ist, ist den Deut, r ehen ganzlich abhanden gekommen.
VII. Die Freiheit des Gespraches geht verloren. Wenn
friiher unter Menschen im Gesprach Eingehen auf den
Partner sich von selbst verstand, wird es nun durch
die Frage nach dem Preise seiner Schuhe oder seines
Regenschirmes ersetzt. Unabwendbar drangt sich in jede
gesellige Unterhaltung das Thema der Lebensverhaltnisse,
des Geldes. Dabei gebt es nicht sowohl urn Sorgen und
Leiden der einzelnen, in welchen sie vielleicht einander zu
helfen vermochten, als um die Betrachtung des Ganzen.
Es ist, als sei man in einem Theater gefangen und miisse
dem Stuck auf der Biihne folgen, ob man wolle oder nicht,
miisse es immer wieder, ob man wolle oder nicht, zum
Gegenstand des Denkens und Sprechens machen.
VIII. Wer sich der Wahrnehmung des Verfalls nicht ent-
zieht, der wird unverweilt dazu iibergehen, eine besondere
Rechtfertigung fur sein Verweilen, seine Tatigkeit und
seine Beteiligung an diesem Chaos in Anspruch zu nehmen.
So viele Einsichten ins allgemeine Versagen, so viele Aus-
nahmen fur den eigenen Wirkungskreis, Wohnort und
Augenblick. Der blinde Wille, von der personliehen
Existenz eher das Prestige zu retten, als durch die sou-
verane Abschatzung ihrer Ohnmacht und ihrer Verstrickt-
heit wenigstens vom Hintergrunde der allgemeinen Ver-
blendung sie zu losen, setzt sich fast iiberall durch. Darum
ist die Luft so voll von Lebenstheorien und Weltanschau-
ungen, und darum wirken sie hierzulande so anmaBend,
weil sie am Ende fast stets der Sanktion irgendeiner ganz
nichtssagenden Privatsituation gelten. Eben darum ist sie
auch so voll von Trugbildern, Luftspiegehmgen einer trotz
allem tiber Nacht bhihend hereinbrechenden kulturellen
Zukunft, Weil jeder auf die optischen Tauschungen seines
isolierten Standpunktes sich verpflichtet.
IX. Die Menschen, die im Umkreise dieses Landes ein-
gepfercht sind, haben den Blick fur den Kontur der
menschlichen Person verloren. Jeder Freie erscheint vor
ihnen als Sonderling. Man stelle sich die Bergketten der
Hochalpen vor, jedoeh nicht gegen den Himmel abgesetzt,
sondern gegen die Falten eines dunklen Tuehes. Nur un-
deutlich wiirden die gewaltigen Formen sich abzeichnen.
Ganz so hat ein schwerer Vorhang Deutschlands Himmel
verhangt und wir sehen die Profilierung selbst der grilfiten
Menschen nicht mehr.
X. Aus den Dingen schwindet die Warme. Die Gegen-
stande des taglichen Gebrauchs stoBen den Menschen
sacht aber beharrlich von sich ab. In summa hat er tag-
taglich mit der Uberwindung der geheimen Widerstande
- und nicht etwa nur der offenen — , die sie ihm entgegen-
setzen, eine ungeheure Arbeit zu leisten. Ihre Kalte muB
er mit der eigenen Warme ausgleichen, um nicht an ihnen
zu erstarren und ihre Stacheln mit unendlicher Geschick-
lichkeit anfassen, um nicht an ihnen zu verbluten. Von
seinen Nebenmenschen erwarte er keine Hilfe. Schaffner,
Beamte, Handwerker und Verkaufer — sie alle fiihlen sich
als Vertreter einer aufsassigen Materie, deren Gefahrlich-
keit sie durch die eigene Roheit ins Licht zu setzen be-
strebt sind. Und der Entartung der Dinge, mit welcher
sie, dem menschlichen Verfalle folgend, ihn zuchtigen, ist
selbst das Land verschworen. Es zehrt am Menschen wie
die Dinge, und der ewig ausbleibende deutsche Fruhling ist
nur eine unter zahllosen verwandten Erscheinungen der
sich zersetzenden deutschen Natur. In ihr lebt man, als
sei der Druck der Luftsaule, dessen Gewicht jeder tragt,
wider alles Gesetz in diesen Landstrichen plotzlich fuhlbar
geworden.
XI. Der Entfaltung jeder menschlichen Bewegung, mag
sie geistigen oder selbst nattirlicben Impulsen entspringen,
ist der maBlose Widerstand der Umwelt angesagt. Woh-
nungsnot und Verkehrsteuerung sind am Werke, das ele-
mentare Sinnbild europaischer Freiheit, das in gewissen
Formen selbst dem Mittelalter gegeben war, die Frei-
ztigigkeit, vollkommen zu vernicbten.Und wenn der mittel-
alterlicbe Zwang den Menscben an natiirliche Verbande
fesselte, so ist er nun in unnatiirliche Gemeinsamkeit ver-
kettet. Weniges wird die verhangnis voile Gewalt des urn-
sichgreifenden Wandertriebes so starken, wie die Abschmi-
rung der Freiziigigkeit, und niemals bat die Bewegungs-
freibeit zum Reicbtum der Bewegungsmittel in einem
groBeren MiBverhaltnis gestanden.
XII. Wie alle Dinge in einem unaufbaltsamen ProzeB
der Vermiscbung und Verunreinigung um ibren Wesens-
ausdruck kommen und sicb Zweideutiges an die Stelle des
Eigentlicben setzt, so aucb die Stadt. GroBe Stadte, deren
unvergleichlicb berubigende und bestatigende Macbt den
ScbafFenden in einen Burgfrieden scblieBt und mit dem
Anblick des Horizonts aucb das BewuBtsein der immer
wacbenden Elementarkrafte von ibm zu nebmen vermag,
zeigen sicb allerorten durcbbrocben vom eindringenden
Land. Nicht von der Landscbaft, sondern von dem, was
die freie Natur Bitterstes hat, vom Ackerboden, von
Cbaussee, vom Nacbtbimmel, den keine rot vibrierende
Scbicbt mebr verhiillt. Die Unsicberbeit selbst der be-
lebten Gegenden versetzt den Stadter vollends in jene
undurcbsicbtige und im hocbsten Grade grauenvolle
Situation, in der er unter den Unbilden des vereinsamten
Flachlandes die Ausgeburten der stadtiscben Architek-
tonik in sich aufnehmen mu8.
XIII. Eine edle Indifferenz gegen die Spbaren des Reich-
tums und der Armut ist den Dingen, die hergestellt wer-
den, vollig abhanden gekommen. Ein jedes stempelt seinen
Besitzer ab, der nur die Wahl hat, als armer Schlucker
oder Schieber zu erscbeinen. Denn wahrend selbst der
wabre Luxus von der Art ist, daB Geist und Geselligkeit
ihn zu durcbdringen und in Vergessenbeit zu bringen ver-
mogen, tragt, was hier von Luxuswaren sich breit macbt,
eine so scbamlose Massivitat zur Scbau, daB jede geistige
Ausstrahlung daran zerbricht.
26
XIV. Aus den altesten Gebrauchen der Volker scbeint
es wie eine Warming an uns zu ergeben, im Entgegen-
nehmen dessen, was wir von der Natur so reicb empfangen,
uns vor der Geste der Habgier zu huten. Denn wir ver-
mogen nicbts der Muttererde aus Eigenem zu schenken.
Daher gebubrt es sicb, Ebrfurcbt im Nebmen zu zeigen,
indeni von allem, was wir je und je empfangen, wir einen
Teil an sie zurtickerstatten, noch ebe wir des Unseren uns
bemachtigen. Diese Ehrfurcht spricht aus dem alten
Braucb der libatio. Ja vielleicht ist es diese uralte sittlicbe
Erfahrung, welche selbst in dem Verbot, die vergessenen
Abren einzusammeln und abgefallene Trauben aufzulesen,
sicb verwandelt erhielt, indem diese der Erde oder den
segenspendenden Abnen zugute kommen. Nacb atbeni-
scbem Braucb war das Auflesen der Brosamen bei der
Mablzeit untersagt, weil sie den Heroen geboren. — Ist
einmal die Gesellscbaft unter Not und Gier soweit ent-
artet, daB sie die Gaben der Natur nur nocb raubend
empfangen kann, daB sie die Frucbte, inn sie gunstig auf
den Markt zu bringen, unreif abreifit und jede Scbussel,
um nur satt zu Werden, leeren muB, so wird ibre Erde ver-
armen und das Land schlecbte Ernten bringen.
YIEFBAU-ARBE1TEH
Im Traum sah icb ein odes Gelande. Das war der Markt-
platz von Weimar. Dort wurden Ausgrabungen veran-
staltet. Auch ich scbarrte ein biBcben im Sande. Da kam die
Spitze eines Kirchturms bervor. Hoch erfrent dacbte icb
mir: ein mexikaniscbes Heiligtum aus der Zeit des Pra-
animismus, dem Anaquivitzli. Icb erwacbte mit Lacben.
(Ana = dvd; vi = vie; witz = mexikanische Kircbe [!])
COIFFEUR FUR PENIBLE DASVlEfc
Dreitausend Damen und Herren vom Kurftirstendamm
sind eines Morgens wortlos aus den Betten zu verbaften
und vierundzwanzig Stunden festzusetzen. Um Mitter-
nacbt verteilt man in den Zellen einen Fragebogen uber
die Todesstrafe, ersucbt aucb dessen Unterzeicbner, anzu-
geben, welcbe Hinricbtungsart sie personlicb im gegebenen
Falle zu wablen dacbten. Dies Scbriftstiick batten in
Klausur „nach bestem Wissen" die auszufiillen, die bisber
nur ungefragt sicb „nacb bestem Gewissen" zu aufiern
pflegten. Nocb vor der ersten Frube, die von alters beilig,
bierzulande aber dem Henker geweibt ist, ware die Frage
der Todesstrafe geklart.
ACHTUNCI STUFEU
Arbeit an einer guten Prosa bat drei Stufen: eine musi-
kaliscbe, auf der sie komponiert, eine arcbitektoniscbe,
auf der sie gebaut, endlicb eine textile, auf der sie gewoben
wird.
YEREIDIQTEH BUCHERREVISOR
Die Zeit steht, wie inKontrapost zur Renaissance schlecht-
hin, so insbesondere im Gegensatz zur Situation, in der
die Buchdruckerkunst erfunden wurde. Mag es namlich
ein Zufall sein oder nicht, ihr Erscheinen in Deutsch-
land fallt in die Zeit, da das Buch im eminenten
Sinne des Wortes, das Buch der Bticher durch Luthers
Bibeliibersetzung Volksgut wurde. Nun deutet alles dar-
auf hin, daB das Buch in dieser uberkommenen Gestalt
seinem Ende entgegengeht. Mallarme, wie er mitten in
der kristallinischen Konstruktion seines gewiB traditio-
nalistischen Schrifttums das Wahrbild des Kommenden
sah, hat zum ersten Male im „Coup de des" die gra-
phischen Spannungen der Reklame ins Schriftbild ver-
arbeitet. Was danach von Dadalsten an Schriftversuchen
unternommen wurde, ging zwar nicht vom Konstruktiven,
sondern den exakt reagierenden Nerven der Literaten
aus und war darum weit weniger bestandhaft als Mallarmes
Versuch, der aus dem Innern seines Stils erwuchs. Aber
es laBt eben dadurch die Aktualitat dessen erkennen,
was monadisch, in seiner verschiossensten Kammer,
Mallarme in prastabilierter Harmonie mit allem dem
entscheidenden Geschehen dieser Tage in Wirtschaft,
Technik, offentlichem Leben auffand. Die Schrift, die
im gedruckten Buche ein Asyl gefunden hatte, wo sie ihr
autonomes Dasein fiihrte, wird unerbittlich von Reklamen
auf die StraBe hinausgezerrt und den brutalen Heterono-
mien des wirtschaftlichen Chaos unterstellt. Das ist der
strenge Schulgang ihrer neuen Form. Wenn vor Jahrhun-
derten sie allmahlich sich niederzulegen begann, von
der aufrechten Inschrift zur schrag auf Pulten ruhen-
den Handschrift ward, um endlich sich im Buchdruck zu
betten, beginnt sie nun ebenso langsam sicb wieder vom
Boden zu heben. Bereits die Zeitung wird mehr in der Senk-
rechten als in der Horizontale gelesen, Film und Reklame
drangen die Scbrift vollends in die diktat orische Vertikale.
Und ebe der Zeitgenosse dazu kommt, ein Bucb aufzu-
scblagen, ist liber seine Augen ein so dicbtes Gestober von
wandelbaren,farbigen,streitendenLetternniedergegangen,
dafi die Chancen seines Eindringens in die archaiscbe StUle
des Bucbes gering geworden sind. Heuschreckenschwarme
von Scbrift, die beute scbon die Sonne des vermeinten
Geistes den GroBstadtern verfinstern, werden dichter mit
jedem folgenden Jahre werden. Andere Erfordernisse des
Geschaftslebens ffihren weiter. Die Kartothek bringt die
Eroberung der dreidimensionalen Scbrift, also einen iiber-
raschenden Kontrapunkt zur Dreidimensionalitat der
Scbrift in ihrem Ursprung als Rune oder Knotenscbrift.
(Und beute scbon ist das Buch, wie die aktuelle wissen-
scbaftlicbe Produktionsweise lehrt, eine veraltete Vermitt-
lung zwischen zwei verscbiedenen Kartothekssystemen.
Denn alles Wesentlicbe findet sich im Zettelkasten des
Forscbers, der's verfaBte, und der Gelebrte, der darin
studiert, assimiliert es seiner eigenen Kartothek.) Aber es
ist ganz auBer Zweifel, daB die Entwicklung der Scbrift
nicht ins Unabsebbare an die Macbtansprticbe ernes chao-
tischen Betriebes in Wissenschaft und Wirtscbaft gebunden
bleibt, vielmebr der Augenblick kommt, da Quantitat
in Qualitat umscblagt und die Scbrift, die immer tiefer in
das grapbiscbe Bereicb ihrer neuen exzentriscben Bildlicb-
keit vorstoBt,mit einemMale ibrer adaquaten Sacbgebalte
babbaft wird. An dieser Bildersebrift werden Poeten, die
dann wie in Urzeiten vorerst und vor allem Schriftkundige
sein werden, nur mitarbeiten konnen, wenn sie sich die
Gebiete erschlieBen, in denen (ohne viel Aufhebens von
sich zu machen) deren Konstruktion sich vollzieht : die des
statistischen und technischen Diagramms. Mit der Be-
griindung einer internationalen Wandelschrift werden sie
ihre Autoritat im Leben der Volker erneuern und eine
Rolle vorfinden, im Vergleich zu der alle Aspirationen auf
Erneuerung der Rhetorik sich als altfrankische Tr&ume-
reien erweisen werden.
so ■;
LEHRSV8STTEL
PRINZIPIEN DERWALZER ODER DIE
KUNST, DICKE BUCHER ZU MACHEN
I. Die ganze Ausfiihrung muB von der dauernden wort-
reichen Darlegung der Disposition durcrtwachsen sein.
II. Termini fur Begriffe sind einzufiihren, die auBer bei
dieser Definition selbst im ganzen Buch nicht mehr vor-
kommen.
III. Die im Text nriihselig gewonnenen begrifFlichen
Distinktionen sind in den Anmerkungen zu den betreffen-
den Stellen wieder zu verwischen.
IV. Fiir Begriffe, iiber die nur in ihrer allgemeinen Be-
deutung gehandelt wird, sind Beispiele zu geben : wo etwa
von Maschinen die Rede ist, sind alle Arten derselben auf-
zuzahlen.
V. Alles, was a priori von einem Objekt feststebt, ist
durch eine Ftille von Beispielen zu erharten.
VI. Zusammenhange, die grapbisch darstellbar sind, miis-
sen in Worten ausgefiibrt werden. Statt etwa einen
Stammbaum zu zeicbnen, sind alle Verwandtschaftsver-
haltnisse abzuscbildern und zu beschreiben.
VII. Von mebreren Gegnern, denen dieselbe Argumen-
tation gemeinsam ist, ist jeder einzeln zu widerlegen.
Das Durcbschnittswerk des heutigen Gelehrten will Wie
ein Katalog gelesen sein. Wann aber wird man soweit
sein, Bticber wie Kataloge zu schreiben? 1st das schlechte
Innere dergestalt in das AuBere gedrungen, so entsteht ein
vortrefflicbes Schriftwerk, in dem der Wert der Meinungen
beziffert ist, ohne da6 sie deswegen feilgeboten wiirden.
Die Scbreibmaschine wird dem Federhalter die Hand des
Literaten erst dann entfremden, wenn die Genauigkeit
typograpbischer Formungen unmittelbar in die Konzep-
tion seiner Biicher eingebt. Vermutlicb wird man dann
neue Systeme mit variablerer Scbriftgestaltung benotigen.
Sie werden die Innervation der befehlenden Finger an die
Stelle der gelaufigen Hand setzen.
Eine Periode, die, metriscb konzipiert, nacbtraglich an
einer einzigen Stelle im Rbythmus gestort wird, macht
den scbonsten Prosasatz, der sicb denken laBt. So fallt
dureb eine kleine Brescbe in der Mauer ein Licbtstrabl
in die Stube des Alcbemisten und laBt Kristalle, Kugeln
und Triangel aufblitzen.
DEUTSCHE TR9NKT OEUTSCHES BEER!
Der Pobel ist von dem frenetiscben HaB gegen das geistige
Leben besessen, der die Gewahr far dessen Vernicbtung
in der Abzahlung der Leiber erkannt bat. Wo man's ihnen
irgend verstattet, stellen sie sicb in Reih und Glied,
ins Trommelfeuer und zur Warenbausse drangen sie
marscbmaBig. Keiner sieht weiter als in den Rucken des
Vordermanns und jeder ist stolz, dergestalt vorbildlicb ftir
den Folgenden zu beiBen. Das baben im Felde die Manner
seit Jahrbunderten berausgebabt, aber den Parademarscb
des Elends, das Anstellen, baben die Weiber erfunden.
ANtCLEBEN VEKBOTEN!
DIE TECHNIK DES SCHRIFTSTELLERS
IN DREIZEHN THESEN
I. Wer an die Niederschrift eines groBeren Werks zu
gehen beabsichtigt, lasse sich's wohl sein und gewahre sich
nach erledigtem Pensum alles, was die Fortfiihrung nicht
beeintrachtigt.
II. Sprich vom Geleisteten, wenn du willst, jedoch lies
wahrend des Verlaufes der Arbeit nicht daraus vor. Jede
Genugtuung, die du dir hierdurch verschaffst, hemmt dein
Tempo. Bei der Befolgung dieses Regimes wird der zu-
nehmende Wunsch nach Mitteilung zuletzt ein Motor der
Vollendung.
III. In den Arbeitsumstanden sxiche dem MittelmaB des
Alltags zu entgeben. Halbe Rube, von schalen Gerauscben
begleitet, entwiirdigt. Dagegen vermag die Begleitung
einer Etude oder von Stimmengewirr der Arbeit ebenso
bedeutsam zu werden, wie die vernehmliche Stille der
Nacbt. Scharft diese das innere Obr, so wird jene zum
Priifstein einer Diktion, deren Fiille selbst die exzen-
triscben Gerauscbe in sieb begrabt.
IV. Meide beliebiges Handwerkszeug. Pedantisches Be-
harren bei gewissen Papieren, Federn, Tinten ist von
Nutzen. Nicht Luxus, aber Fiille dieser Utensilien ist un-
erlafilich.
V. Lafi dir keinen Gedanken inkognito passieren und
fiibre dein Notizheft so streng wie die Behorde das Frem-
denregister.
VI. Mache deine Feder sprode gegen die Eingebung, und
sie wird mit der Kraft des Magneten sie an sicb ziehen.
Je besonnener du mit der Niederschrift eines Einfalls ver-
ziehst, desto reifer entfaltet wird er sich dir ausliefern.
Die Rede erobert den Gedanken, aber die Schrift be-
herrscht ihn.
VII. Hore niemals mit Schreiben auf, weil dir nichts mehr
einfallt. Es ist ein Gebot der literarischen Ebre, nur dann
abzubrechen, wenn ein Termin (eine Mahlzeit, eine Verab-
redung) einzuhalten oder das Werk beendet ist-
VIII. Das Aussetzen der Eingebung fiille aus mit der saube-
ren Abschrift des Geleisteten. Die Intuition wird dariiber
erwachen.
IX. Nulla dies sine linea - wohl aber Wochen.
X. Betrachte niemals einWerk als vollkommen, uber dem du
nicht einmal vom Abend bis zum hellen Tage gesessen hast.
XI. Den AbschluB des Werkes schreibe nicht im gewohn-
ten Arbeitsraume nieder. Du wiirdest den Mut dazu in ihm
nicht finden.
XII. Stufen der Abfassung: Gedanke - Stil - Schrift. Es
ist der Sinn der Reinschrift, daB in ihrer Fixierung die
Aufmerksamkeit nur mehr der Kalligraphie gilt. Der Ge-
danke totet die Eingebung, der Stil fesselt den Gedanken,
die Schrift entlohnt den Stil.
XIII. Das Werk ist die Totenmaske der Konzeption.
DREIZEHN THESEN WIDER SNOBISTEN
(Snob im Privatkontor der Kunstkritik. Links eine Kin-
derzeichnung, rechts ein Fetisch. Snob: „Da kann der
ganze Picasso einpacken.")
I. Der Kunstler macht Der Primitive aufiert sich in
ein Werk. Dokumenten.
II. DasKunstwerkistnur Kein Dokument ist als ein
nebenbei ein Doku- solches Kunstwerk.
ment.
III. Das Kunstwerk ist
em Meisterstuck.
IV. Am Kunstwerk lernen
Riinstler das Metier.
V. Kunstwerke stehen
eins dem andern fern
durch Vollendung.
VI. Inhalt und Form sind
im Kunstwerk eins :
Gehalt.
VII. Gehalt ist das Er-
probte.
VIII. Im Kunstwerk ist der
Stoff ein Ballast, den
die Betrachtung ab-
wirft.
IX. Im Kunstwerk ist das
Formgesetz zentral.
X. Das Kunstwerk ist
synthetisch : Kraft-
zentrale.
XI. Im wiederbolten An-
blick steigert sich ein
Kunstwerk.
XII. Die Mannlichkeit der
Werke ist im Angriff.
XIII. Der Kiinstler gebt auf
die Eroberung vonGe-
halten.
Das Dokument dient als
Lehr stuck.
Vor Dokumenten wird ein
Publikum erzogen.
Im Stofflicben kommunizie-
ren alle Dokumente.
In Dokumenten berrsebt
durcbaus der Stoff.
Stoff ist das Getraumte.
Je tiefer man sich in ein
Dokument verliert, desto
dicbter: Stoff.
Ins Dokument sind Formen
nur versprengt.
Die Fruchtbarkeit des Do-
kuments will: Analyse.
Ein Dokument bewaltigt
nur durch Uberraschung.
Dem Dokument ist seine
Unschuld eine Deckung.
Der primitive Mensch ver-
schanzt sich hinter Stoffen.
DIE TECHNIK DES KRITIKERS IN
DREIZEHN THESEN
I. Der Kritiker ist Stratege im Literaturkampf.
II. Wer nicht Partei ergreifen kann, der hat zu schweigen.
III. Der Kritiker hat mit dem Deuter von vergangenen
Kunstepochen nichts zu tun.
IV. Kritik mu6 in der Sprache der Artisten reden. Denn
die Begriffe des cenacle sind Parolen. Und nur in den
Parolen tont das Kampfgeschrei.
V. Immer muB ,Sachlichkeit' dem Parteigeist geopfert
werden, wenn die Sache es wert ist, urn welche der Kampf
geht.
VI. Kritik ist eine moralische Sache. Wenn Goethe Hol-
derlin und Kleist, Beethoven und Jean Paul verkannte, so
trifft das nicht sein Kunstverstandnis, sondern seine Moral.
VII. Fur den Kritiker sind seine Kollegen die hohere In-
stanz. Nicht das Publikum. Erst recht nicht die Nachwelt.
VIII. Die Nachwelt vergiGt oder riihmt. Nur der Kritiker
richtet im Angesicht des Autors.
IX. Polemik heifJt, ein Buch in wenigen seiner Satze ver-
nichten. Je weniger man es studierte, desto besser. Nur
wer vernichten kann, kann kritisieren.
X. Echte Polemik nimmt ein Buch sich so liebevoll vor,
wie ein Kannibale sich einen Saugling zuriistet.
XI. Kunstbegeisterung ist dem Kritiker fremd. Das Kunst-
werk ist in seiner Hand die blanke Waffe in dem Kampfe
der Geister.
XII. Die Kunst des Kritikers in nuce : Schlagworte pragen,
ohne die Ideen zu verraten. Schlagworte einer unzulang-
lichen Kritik verschachern den Gedanken an die Mode.
XIII. Das Publikum mufi stets Unrecht erhalten und sich
doch immer durch den Kritiker vertreten fiihlen.
MR. 13
„Treize — j'eus un plaisir cruel de rtCarr&ter
sur ce nombre." Marcel Proust
„Le reploiement vierge du lime, encore, preie
a un sacrifice dont seigna la tranche rouge des
anciens tomes; Vintroduction d'une arme, ou
coupe-papier, pour etablir la prise de posses-
sion." Stephane Mallarme
I. Biicher und Dirnen kann man ins Bett nehmen.
II. Biicher und Dirnen verschranken die Zeit. Sie be-
herrschen die Nacht wie den Tag und den Tag wie die
Naeht.
III. Biichern und Dirnen sieht es keiner an, daG die Minuten
ihnen kostbar sind. LaBt man sich aber naher mit ihnen
ein, so merkt man erst, wie eilig sie es haben. Sie zahlen
mit, indem wir uns in sie vertiefen.
IV. Biicher und Dirnen haben seit jeher eine unghickliche
Liebe zueinander.
V. Biicher und Dirnen - sie haben jedes ihre Sorte Mariner,
die von ihnen leben und sie drangsalieren. Biicher die Kri-
tiker.
VI. Biicher und Dirnen in offentlichen Hausern - fur
Studenten.
VII. Biicher und Dirnen - selten sieht einer ihr Ende, der
sie besafi. Sie pflegen zu verschwinden, bevor sie vergehen.
VIII. Biicher und Dirnen erzahlen so gern und so verlogen,
wie sie es geworden sind. In Wahrheit merken sie's oft
selber nicht. Da geht man jahrelang ,aus Liebe' allem
nach und eines Tages steht als wohlbeleibtes Korpus auf
dem Strich, was ,studienhalber' immer nur dariiber
schwebte.
IX. Biicher und Dirnen lieben es, den Rucken zu wenden,
wenn sie sich ausstellen.
X. Biicher und Dirnen machen viel junge.
XI. Bucher und Dirnen - „Alte Betschwester - junge
Hure". Wieviele Bucher Waren nicht verrufen, aus denert
heut die Jugend lernen soil!
XII. Bucher und Dirnen tragen ihren Zank vor die Leute,
XIII. Bucher und Dirnen — FuBnoten sind bei den einen,
was bei den andern Geldscbeine im Strumpf.
WAFFEN UNO MUNSTIO
Ich war in Riga, urn eine Freundin zu besuchen, an-
gekommen. Ihr Haus, die Stadt, die Sprache waren mir
unbekannt. Kein Menscb erwartete mich, es kannte micb
niemand. Ich ging zwei Stunden einsam durch die StraBen.
So babe ich sie nie wiedergesehen. Aus jedem Haustor
schlug eine Stichflamme, jeder Eckstein stob Funken und
jede Tram kam wie die Feuerwehr dahergefahren. Sie
konnte ja aus dem Tore treten, um die Ecke biegen und in
der Tram sitzen. Von beiden aber muBte ich, um jeden
Preis, der erste werden, der den andern sieht. Denn hatte
sie die Lunte ihres Blicks an mich gelegt - ich hatte wie
ein Munitionslager auffliegen mussen.
ERSTE HSLFE
Ein hochst verworrenes Quartier, ein StraBennetz, das
jahrelang von mir gemieden wurde, ward mir mit einem
Schlage iibersichtlich, als eines Tages ein geliebter Mensch
dort einzog. Es War, als sei in seinem Fenster ein Schein-
werfer aufgestellt und zerlege die Gegend mit Licht-
biischeln.
SNNENARCHITEKTUR
38
Der Traktat ist eine arabische Form. Sein AuBeres ist un-
abgesetzt und unauffallig, der Fassade arabiseher Bauten
entsprecbend, deren Gliederung erst im Hofe anbebt. So
ist auch die gegliederte Struktur des Traktats von auBen
nicht wabrnebmbar, sondern eroffnet sicb nur von innen.
Wenn Kapitel ihn bilden, so sind sie nicbt verbal iiber-
scbrieben, sondern ziffernmaBig bezeichnet. Die Flacbe
seiner Deliberationen ist nicbt maleriscb belebt, vielmebr
mit den Netzen des Ornaments, das sicb brucblos fort-
scblingt, bedeckt. In der ornamentalen Dichtigkeit dieser
Darstellung entfallt der Unterscbied von tbematischen
und exkursiven Ausfiibrungen.
PAPIER UND SCHRE1BWAHEN
PHARUS-PLAN. Ich kenne eine, die geistesabwesend ist.
Wo mir die Namen meiner Lieferanten, der Aufbewab-
rungsort von Dokumenten, Adressen meiner Freunde und
Bekannten, die Stunde eines Rendezvous gelaufig sind,
da baben ihr politiscbe Begriffe, Scblagworte der Partei,
Bekenntnisformeln und Befeble sicb festgesetzt. Sie lebt
in einer Stadt der Parolen und wobnt in einem Quartier
verschworener und verbriiderter Vokabeln, wo jedes Ga6-
chen Far be bekennt und jedes Wort ein Feldgescbrei zum
Ecbo bat.
WUNSCHBOGEN. „Tut ein Scbilf sich doch bervor -
Welten zu versuBen - Moge meinem Schreiberobr - Lieb-
licbes entflieBen !" - das folgt der „Seligen Sehnsucht"
wie eine Perle, die der geoffneten Muscbelscbale entrolltist.
TASCHENKALENDER. Fur den nordischen Menschen
ist weniges so bezeichnend als dies, daB, wenn er liebt,
er vor allem einmal und am jeden Preis mit sich selber
allein sein muB, sein Gefuhl vorerst selbst betrachten,
genieBen muB, ehe er zu der Frau geht und es erklart.
BRIEFBESCHWERER. Place de la Concorde: Obelisk.
Was vor viertausend Jabren darein ist gegraben worden,
steht beut im Mittelpunkt des groBten aller Platze. Ware
das ihm geweissagt worden - welcher Triumph fur den
Pbarao! Das erste abendlandische Kulturreich wird
einmal in seiner Mitte den Gedenkstein seiner Herr-
schaft tragen. Wie sieht in Wahrheit diese Glorie aus?
Nicbt einer von Zehntausenden, die hier vorubergeben,
bait inne ; nicbt einer von Zebntausenden, die innebalten,
kann die Aufscbrift lesen. So lost ein jeder Rubm Ver-
sprocbenes ein, und kein Orakel gleicht ihm an Verschla-
genheit. Denn der Unsterblicbe steht da wie dieser Obe-
lisk: er regelt einen geistigenVerkehr, der ihn umtost, und
keinem ist die Inschrift, die darein gegraben ist,von Nutzen.
GALANTERBEWAREH
Unvergleichliche Sprache des Totenkopfes: vollige Aus-
druckslosigkeit - das Schwarz seiner Augenhohlen - ver-
eint er mit wildestem Ausdruck - den grinsenden Zabn-
reihen.
Einer, der sicb verlassen glaubt, liest und es schmerzt
ibn, daB die Seite, die er umschlagen will, schon auf-
geschnitten ist, daB nicbt einmal sie mehr ihn braucht.
Gaben mtissen den Beschenkten so tief betreffen, daB er
erscbrickt.
Als ein gescbatzter, kultivierter und eleganter Freund mir
sein neues Bucb tibersandte, iiberrascbte icb micb dabei,
wie ich, im Begriff es zu offnen, meine Krawatte zurecbt
riickte.
Wer die Umgangsformen beacbtet, aber die Luge verwirft,
gleicht einem, der sicb zwar modiscb kleidet, aber kein
Hemd auf dem Leibe tragt.
Wenn der Zigarettenrauch in der Spitze und die Tinte im
Fullhalter gleicb leicbten Zug batten, dann ware icb im
Arkadien meiner Scbriftstellerei.
Gliicklicb sein heiflt ohne Schrecken seiner selbst inne-
werden konnen.
¥iEeGROSSERUNOEH
LESENDES KIND. Aus der Scbulerbibliotbek bekommt
man ein Bucb. In den unteren Klassen wird ausgeteilt.
Nur hin und wieder wagt man einen Wunscb. Oft siebt
man neidiscb ersebnte Bticber in andere Hande gelangen.
Endlicb bekam man das seine. Fur eine Wocbe war man
ganzlicb dem Treiben des Textes anbeimgegeben, das mild
und beimlicb, dicbt und unablassig, wie Schneeflocken
einen umfing. Dabinein trat man mit grenzenlosem Ver-
trauen. Stille des Bucbes, die weiter und weiter lockte !
Dessen Inbalt war gar nicbt so wichtig. Denn die Lektiire
fiel noch in die Zeit, da man selber Geschicbten im Bett
sich ausdachte. Ihren halbverwehtenWegen spurt das Kind
nach. Beim Lesen halt es sich die Ohren zu; sein Buch
liegt auf dem viel zu hohen Tisch und eine Hand liegt im-
mer auf dem Blatt. Ihm sind die Abenteuer des Helden
noch im Wirbel der Lettern zu lesen wie Figur und Bot-
schaft im Treiben der Flocken. Sein Atem steht in der
Luft der Geschehnisse und alle Figuren hauchen es an.
Es ist viel naher unter die Gestalten gemischt als der
Erwachsene. Es ist unsaglich betrofFen von dem Geschehen
und den gewechselten Worten und wenn es aufsteht, ist
es iiber und iiber beschneit vom Gelesenen.
ZU SPAT GEKOMMENES KIND. Die Uhr im Schulhof
sieht beschadigt aus durch seine Schuld. Sie steht auf „Zu
spat". Und in den Flur dringt aus den Klassentiiren, wo
es vorbeistreicht, Murmeln von geheimer Beratung. Lehrer
und Schiiler dahinter sind Freund. Oder es schweigt alles
still, als erwartete man einen. Unhorbar legt es die Hand
an die Klinke. Die Sonne trankt den Flecken, wo es steht.
Da schandet es den griinen Tag und offnet. Es hort die
Lehrerstimme wie ein Miihlrad klappern; es steht vor dem
Mahlwerk. Die klappernde Stimme behalt ihren Takt, aber
die Knechte werfen nun alles ab auf das neue; zehn,
zwanzig schwere Saeke fliegen ihm zu, die muB es zur
Bank tragen. An seinem Mantelchen ist jeder Faden wei8
bestaubt. Wie eine arme Seele um Mitternacht macht es
bei jedem Schritt Getose, und keiner sieht es. Sitzt es dann
auf dem Platz, so schafft es leise mit bis Glockenschlag.
Aber es ist kein Segen dabei.
NASCHENDES KIND. Im Spalt des kaum geofiketen
Speiseschranks dringt seine Hand wie ein Liebender durch
die Nacht vor. Ist sie dann in der Finsternis zu Hause,
so tastet sie nach Zucker oder Mandeln, nach Sultaninen
oder Eingemachtem. Und wie der Liebhaber, ehe er's
kiiBt, sein Madchen umarmt, so hat der Tastsinn mit
ihnen ein Stelldichein, ehe der Mund ihre StiBigkeit
kostet. Wie gibt der Honig, geben Haufen von Korinthen,
gibt sogar Reis sich sehmeichelnd in die Hand. Wie leiden-
schaftlich dies Begegnen beider, die endlich nun dem
Loffel entronnen sind. Dankbar und wild, wie eine, die
man aus dem Elternhause sich geraubt hat, gibt hier die
Erdbeermarmelade ohne Semmel und gleichsam unter
Gottes freiem Himmel sich zu schmecken, und selbst die
Butter erwidert mit Zartlichkeit die Ktihnheit eines Wer-
bers, der in ihre Magdekammer vorstieB. Die Hand, der
jugendliche Don Juan, ist bald in alle Zellen und Gelasse
eingedrungen, hinter sich rinnende Schichten und stro-
mende Mengen: Jungfraulichkeit, die ohne Klagen sich
erneuert.
KARUSSELLFAHRENDES KIND. Das Brett mit den
dienstbaren Tieren rollt dicht tiberin Boden. Es hat die
Hohe, in der man am besten zu fliegen traumt. Musik setzt
ein, und ruckweis rollt das Kind von seiner Mutter fort.
Erst hat es Angst, die Mutter zu verlassen. Dann aber
merkt es, wie es selber treu ist. Es thront als treuer Herr-
scher iiber einer Welt, die ihm gehort. In der Tangente bil-
den Baume und Eingeborene Spalier. Da taucht, in einem
Orient, wiederum die Mutter auf. Danach tritt aus dem
Urwald ein Wipfel, wie ihn das Kind schon vor Jahr-
tausenden, wie es ihn eben erst im Karussell gesehen hat.
Sein Tier ist ihm zugetan : Wie ein stummer Arion fahrt
es auf seinem stummen Fisch dahin, ein holzerner Stier-
Zeus entfiihrt es als makellose Europa. Langst ist die ewige
Wiederkehr aller Dinge Kinderweisheit geworden und das
Leben em uralter Rauscli der Herrschaft, mit dem droh-
nenden Orchestrion in der Mitte als Kronschatz. Spielt
es langsamer, fangt der Raum an zu stottern und die
Baume beginnen sich zu besinnen. Das Karussell wird un-
sicberer Grand. Und die Mutter taucbt auf, der vielfach
gerammte Pfabl, urn welchen das landende Kind das Tau
seiner Blicke wickelt.
UNORDENTLICHES KIND. Jeder Stein, den es findet,
jede gepfhickte Blume und jeder gefangene Schmetterling
ist ihm sehon Anfang einer Sammlung, und alles, was es
iiberhaupt besitzt, maebt ihm eine einzige Sammlung aus.
An ihm zeigt diese Leidenschaft ihr wahres Gesicht, den
strengen indianischen Blick, der in den Antiquaren,
Forschern, Btichernarren nur noch getriibt und manisch
weiterbrennt. Kaum tritt es ins Leben, so ist es Jager.
Es jagt die Geister, deren Spur es in den Dingen wittert;
zwischen Geistern und Dingen verstreichen ihm Jahre,
in denen sein Gesichtsfeld frei von Menschen bleibt. Es
geht ihm wie in Traumen: es kennt nichts Bleibendes;
alles geschieht ihm, meint es, begegnet ihm, stoBt ihm zu.
Seine Nomadenjahre smd Stunden im Traumwald. Dort-
her schleppt es die Beute beim, um sie zu reinigen, zu
festigen, zu entzaubern. Seine Schubladen miissen Zeug-
baus und Zoo, Kriminalmuseum und Krypta werden.
,Aufraumen' hieBe einen Bau vernichten voll stachliger
Kastanien, die Morgensterne, Staniolpapiere, die ein
Silberhort, Bauklotze, die Sarge, Kakteen, die Totem-
baume und Kupferpfennige, die Schilde sind. Am Wasche-
schrank der Mutter, an der Bucherei des Vaters, da hilft
das Kind sehon langst, wenn es im eigenen Revier noch
immer der unstete, streitbare Gast ist.
VERSTECKTES KIND. Es kennt in der Wohnung schon
alle Verstecke und kehrt darein wie in ein Haus zurtick,
wo man sicher ist, alles beim alten zu finden. Ihm klopft
das Herz, es halt seinen Atem an. Hier ist es in die Stoff-
welt eingeschlossen. Sie wird ihm ungeheuer deutlich,
kommt ihm sprachlos nah. So wird erst einer, den man
aufhangt, inne, was Strick und Holz sind. Das Kind, das
hinter der Portiere steht, wird selbst zu etwas Wehendem
und WeiBem, zum Gespenst. Der EBtisch, unter den es sich
gekauert hat, laBt es zum holzernen Idol des Tempels
werden, wo die geschnitzten Beine die vier Saulen sind.
Und hinter einer Ture ist es selber Tur, ist mit ihr angetan
als schwerer Maske und wird als Zauberpriester alle be-
hexen, die ahnungslos eintreten. Um keinen Preis darf es
gefunden werden. Wenn es Gesichter schneidet, sagt man
ihm, braucht nur die Uhr zu schlagen und es muB so
bleiben. Was Wahres daran ist, das weifi es im Versteck.
Wer es entdeckt, kann es als Gotzen unterm Tisch erstar-
ren machen, fiir immer als Gespenst in die Gardine es ver-
weben, auf Lebenszeit es in die schwere Tur bannen. Es
laBt darum mit einem lauten Schrei den Damon, der es
so verwandelte, damit man es nicht findet, ausfahren,
wenn es der Suchende faBt - ja, wartet diesen Augenblick
nicht ab, greift ihm mit einem Schrei der Selbstbefreiung
vor. Darum wird es den Kampf mit dem Damon nicht
miide. Die Wohnung ist dabei das Arsenal der Masken.
Doch einmal jahrlich liegen an geheimnisvollen Stellen,
in ihren leeren Augenhohlen, ihrem starren Mund, Ge-
schenke. Die magische Erfahrung wird Wissenschaft.
Das Kind entzaubert als ihr Ingenieur die diistere Eltern-
wohnung und sucht Ostereier.
ANTIQUITATEI
MEDAILLON. An allem, was mit Grund scbon genannt
wird, wirkt paradox, daB es erscheint.
GEBETMUHLE. Lebendig nabrt den Willen nur das vor-
gestellte Bild. Am bloBen Wort dagegen kann er sieh zu
hocbst entziinden, um dann brandig fortzuscbwelen. Kein
heiler Wille ohne die genaue bildlicbe Vorstellung. Keine
Vorstellung obne Innervation. Nun ist der Atem> deren
allerfeinste Regulierung. Der Laut der Formeln ist ein
Kanon dieser Atmung. Daber die Praxis der iiber den bei-
ligen Silben atmend metidierenden Yoga. Daber ihre
Allmacbt.
ANTIKER LOFFEL. Eins ist den groBten Epikern vor-
behalten: ihre Helden fiittern zu konnen.
ALTE LAND K ARTE. In einer Liebe sucben die meisten
ewige Heimat. Andere, sebr wenige aber das ewige Rei-
sen. Diese letzten sind Melancholiker, die da Berxibrung
mit der Muttererde zu scbeuen baben. Wer die Schwer-
mut der Heimat von ibnen fern bielte, den suchen sie.
Dem balten sieTreue. Die mittelalterliehenKomplexionen-
bticber wissen um die Sehnsucbt dieses Menscbenschlages
nach weiten Reisen.
FACHER. Man wird folgende Erfabrung gemacht baben:
liebt man jemanden, ist man sogar nur intensiv mit ibm
bescbaftigt, so findet man beinah in jedem Bucbe sein
Portrat. Ja er erscbeint als Spieler und als Gegenspieler.
In den Erzahlungen, Romanen und Novellen begegnet er
in immer neuen Verwandlungen. Und hieraus folgt: das
Vermogen der Phantasie ist die Gabe, im unendlich Klei-
nen zu interpolieren, jeder Intensitat als Extensivem ihre
neue gedrangte Fiille zu erfinden, kurz, jedes Bild zu neh-
men, als sei es des zusammengelegten Fachers, das erst
in der Entfaltung Atem holt und mit der neuen Breite
die Zuge des geliebten Menschen in seinem Innern auffiihrt.
RELIEF. Man ist zusammen mit der Frau, die man liebt,
man spricht mit ihr. Dann, Wochen oder Monate spater,
wenn man von ihr getrennt ist, kommt einem wieder,
wovon damals die Rede war. Und nun liegt das Motiv
banal, grell, untief da, und man erkennt : nur sie, die sich
aus Liebe tief dartiber neigte, bat es vor uns beschattet
und gescbiitzt, daB wie ein Relief in alien Falten und in
alien Winkeln der Gedanke lebte. Sind wir allein, wie
jetzt, so liegt er flach, trost-, scbattenlos im Lichte unserer
Erkenntnis.
TORSO. Nur wer die eigene Vergangenheit als Ausgeburt
des Zwanges und der Not zu betracbten wiiBte, der ware
fahig, sie in jeder Gegenwart aufs hochste fur sicb wert
zu macben. Denn was einer lebte, ist bestenfalls der
schonen Figur vergleichbar, der auf Transporten alle Glie-
der abgesehlagen wurden, und die nun nichts als den kost-
baren Block abgibt, aus dem er das Bild seiner Zukunft
zu hauen hat.
UHHEN UND GOLDWAREN
Wer den Sonnenaufgang wachend, bekleidet, auf einer
Wanderung etwa, vor sich sieht, behalt tagstiber vor alien
anderen die Souveranitat eines unsichtbar Gekronten und
wem er unter der Arbeit hereinbrach, dem ist urn Mittag,
als hatte er sich die Krone selbst aufgesetzt.
Als Lebensubr, auf der die Sekunden nur so dabineilen,
hangt iiber den Romanfiguren die Seitenzahl. Welcher
Leser hatte nieht schon einmal flilchtig, geangstigt zu ihr
aufgeblickt?
Ich traumte, mit Roethe gehe ich -neugebackener Privat-
dozent - in kollegialer Unterbaltung durch die weiten
Raume eines Museums, dessen Vorsteher er ist. Wahrend
er in einem Nebenraum mit einem Angestellten sich unter-
halt, trete ich vor eine Vitrine. In ihr steht neben anderen,
wohl kleineren Gegenstanden, die verstreut sind, die me-
tallische oder emaillierte, triibe das Licht spiegelnde, fast
lebensgroBe Btiste einer Frau, nicht unahnlich der so-
genannten Leonardoschen Flora im Berliner Museum. Der
Mund dieses Goldhaupts ist geoffnet und iiber die Zahne
des Unterkiefers sind Schmucksachen, die zum Teil aus
dem Munde heraushangen, in wohlgemessenen Abstanden
gebreitet. Mir war nicht zweifelhaft, da6 das eine Uhr sei. -
(Motive des Traums : Der Schamrote ; Morgenstunde hat
Gold im Munde ; „La tete, avec l'amas de sa criniere sombre/
Et de ses bijoux precieux, / Sur la table de nuit, comme
une renoncule, / Repose". Baudelaire.)
BOGENLAMPE
Einen Menschen kennt einzig nur der, welcher ohne Hoff-
nung ihn liebt.
LOGOIA
GERANIE. Zwei Menschen, die sick lieben, bangen iiber
alles an ihren Namen.
KARTHlUSERNELKE. Dem Liebenden erscbeint der
geliebte Mensch immer einsam.
ASPHODELOS. Wer geliebt wird, binter dem schliefit
der Abgrund des Geschlechts sich wie der der Familie.
KAKTEENBLtlTE. Der wahre Liebende freut sicb, wenn
der geliebte Menscb streitend im Unrecht ist.
VERGISSMEINNICHT. Erinnerung sieht den geliebten
Menschen stets verkleinert.
BLATTPFLANZE. Tritt ein Hindernis vor die Ver-
einigung, so ist alsbald die Phantasie eines wunschlosen
Beisammenseins im Alter zur Stelle.
FUNDBURO
VERLORENE GEGENSTlNDE. Was den allerersten
Anblick eines Dorfs, einer Stadt in der Landschaft so
unvergleichlicb und so unwiederbringlich macbt, ist, dafi
in ihm die Ferne in der strengsten Bindung an die Nabe
mitscbwingt. Noch bat GeWobnheit ihr Werk nicbt getan.
Beginnen wir erst einmal uns zurecbtzufinden, so ist die
Landscbaft mit einem Scblage verscbwunden wie die
Fassade eines Hauses wenn wir es betreten. Nocb bat
diese kein Ubergewicht durch die stete, zur Gewohnheit
gewordene Durchforschung erhalten. Haben wir einmal
begonnen, im Ort uns zurechtzufinden, so kann jenes
friibeste Bild sich nie wieder herstellen.
GEFUNDENE GEGENSTlNDE. Die blaue Feme, die
da keiner Nabe weicbt und wiederum beim Naherkommen
nicht zergebt, die nicht breitspurig und langatmig beim
Herantreten daliegt, sondern nur verscblossener und
drohender einem sich aufbaut, ist die gemalte Feme der
Kulisse. Das gibt den Biihnenbildern ihren unvergleich-
lichen Charakter.
HALTEPLATZ FUR NICHT MEHR ALS
3 DROSCHKEN
Icb stand an einer Stelle zehn Minuten und wartete auf
einen Omnibus. „L'Intran . . . Paris-Soir ... La Liberte"
rief hinter mir ununterbrocben mit unverandertem Ton-
fall eine Zeitungsfrau. „L'Intran . . . Paris-Soir ... La
Liberte" — eine Zuchtbauszelle von dreieckigem Grund-
rilJ. Icb sab vor mir, wie leer es in den Winkeln aussah.
Icb sah imTraum „ein verrufenes Haus". „Ein Hotel,
in dem ein Tier verwobnt ist. Es trinken fast alle nur ver-
wobntes Tierwasser." Icb traumte in diesen Worten und
fuhr sofort wieder auf. Vor libergroBer Ermudung hatte
ich im erbellten Zimmer mich in Kleidern aufs Bett ge-
worfen und war sogleich, fur einige Sekunden, einge-
schlafen.
Es gibt in Mietskasernen eine Musik von so todestrauriger
Ausgelassenheit, da6 man nicbt glauben will, sie sei fur
den, der spielt: es ist Musik fur die moblierten Zimmer,
wo einer Sonntags in Gedanken sitzt, die bald mit diesen
Noten sich garnieren wie eine Schiissel tiberreifes Obst mit
welken Blattern.
t€RIEGERDEH§€I¥lAL
KARL KRAUS. Nichts trostloser als seine Adepten,nichts
gottverlassener als seine Gegner. Kein Name, der gezie-
mender durch Schweigen geebrt wiirde. In einer uralten
Rustung, ingrimmig grinsend, ein cbinesisches Idol, in
beiden Handen die geziickten Schwerter schwingend,
tanzt er den Kriegstanz vor dem Grabgewolbe der deut-
schen Sprache. Er, der „nur einer von den Epigonen, die
in dem alten Haus der Sprache wohnen", ist zum Be-
schlieBer ihrer Gruft geworden. In Tag- und Nachtwachen
barrt er aus. Kein Posten ist je treuer gebalten worden
und keiner je war verlorener. Hier stent, der aus dem
Tranenmeere seiner Mitwelt schopft wie eine Danaide, und
dem der Fels, der seine Feinde begraben soil, aus den Han-
den rollt wie dem Sisypbos. Was bilf loser als seine Kon-
version? Was ohnmachtiger als seine Humanitat? Was
boffnungsloser als sein Kampf mit der Presse? Was weiB
er von den wabrbaft ihm verbiindeten Gewalten? Docb
Welches Sehertum der neuen Magier laBt sich vergleichen
mit dem Lauschen dieses Zauberpriesters, dem eine ab-
geschiedene Sprache selbst die Worte eingibt? Wer hat je
einen Geist beschworen wie Kraus in den ,,Verlassenen",
als ob sie vordem nie gedichtet worden ware, die „Selige
Sehnsucht" ? So hilf los wie nur Geisterstimmen sich horen
lassen, sagt das Raunen aus einer chthonischen Tiefe der
Sprache ihm wahr. Jedweder Laut istunvergleichlichecht,
aber sie alle lassen ratios wie Geisterrede. Blind wie die
Manen ruft die Spraclie ihn zur Rache auf, borniert wie
Geister, die nur die Blutstimme kennen, denen gleich ist,
was sie im Reiche der Lebenden anstiften. Aber er kann
nicbt irren. Unfehlbar sind ihre Mandate. Wer ihm in den
Arm lauft, ist schon gericbtet : sein Name selber wird in
diesem Mund zum Urteil. Wenn er ibn aufreiBt, schlagt
die farblose Flamme des Witzes ihm uber die Lippen.
Und keiner, der die Wege des Lebens geht, stieBe auf ihn.
Auf emem archaischen Felde der Ehre, einer riesigen Wal-
statt blutiger Arbeit rast er vor einem verlassenen Grab-
monument. Die Ebren seines Todes werden unermeBlich,
die letzten sein, die vergeben werden.
FEUERMELDiR
Die Vorstellung vom Klassenkampf kann irrefuhren. Es
handelt sich in ihm nicht urn eine Kraftprobe, in der die
Frage: wer siegt, wer unterliegt? entschieden wttrde,
nicht um ein Ringen, nach dessen Ausgang es dem Sieger
gut, dem Unterlegenen aber schlecht gehen wird. So den-
ken, heiBt die Fakten romantisch vertuschen. Denn mag
die Bourgeoisie im Kampfe siegen oder unterliegen, sie
bleibt zum Untergange durch die inneren Widersprftche,
die ihr im Laufe der Entwiekhmg todlich werden, ver-
urteilt. Die Frage ist nur, ob sie an sich selber oder durch
das Proletariat zugrunde geht. Bestand oder das Ende
einer dreitausendjahrigen Kulturentwicklung werden
durch die Antwort darauf entschieden. Gescbichte weiB
nichts von der schlechten Unendlichkeit im Bilde der
beiden ewig ringenden Kampfer. Nur in Terminen rechnet
der wahre Politiker. Und ist die AbschafFung der Bourgeoi-
sie nicht bis zu einem fast berechenbaren Augenblick der
wirtschaftHchen und tecbniscben Entwicklung vollzogen
(Inflation und Gaskrieg signalisieren ihn), so ist alles ver-
loren. Bevor der Funke an das Dynamit kommt, muB die
brennende Ziindschnur durchsehnitten werden. Eingriff,
Gefahr und Tempo des Politikers sind technisch — nicht
ritterlich.
E1SEANDENKEN
ATRANI. Die sacht ansteigende gesehweifte Barocktreppe
zur Kircbe. Das Gitter hinter der Kircbe. Die Litaneien
der alten Frauen beim Ave Maria: Einschulung in die
erste Sterbeklasse. Wenn man sicb umwendet, grenzt dann
dieKirchewie Gott selber ans Meer. Allmorgendlich bricbt
die cbristliche Ara den Fels an, aber zwischen den Mauern
darunter zerfallt immer wieder die Nacht in die vier
alten romischen Viertel. Gassen wie Luftschachte. Auf
dem Marktplatz ein Brunnen. Am Spatnachmittag Weiber
heram. Dann einsam : arcbaisches Platscbern.
MARINE. Die Scbonheit grofier Segelscbifie ist einziger
Art. Denn sie sind nicHt allein in ibrem UmriB durcb Jahr-
bunderte unverandert geblieben, sondern erscbeinen in der
unwandelbarsten Landschaft : auf der See gegen den Hori-
zont abgehoben.
VERSAILLES FASSADE. Es ist, als habe man dies
SchloB vergessen, wo man es vor so und soviel bundert
Jahren Par Ordre Du Roi nur auf zwei Stun den als das Ver-
satzstiick einer Feerie hingestellt bat. Von seinem Glanz
bebalt es nichts fur sicb, es gibt ihn ungeteilt an jene
konigliche Lage, die mit ihm abschlieBt. Vor diesem Hin-
tergrund wird sie zur Blilme, auf der die absolute Monarchic
als allegorisches Ballett tragiert ward. Dock heute ist es
nur die Wand, deren Schatten man aufsucht, urn den Fern-
blick ins Blau zu genieBen, das Le Notre erschuf.
HEIDELBERGER SCHLOSS. Ruinen, deren Triimmer
gegen den Himmel ragen, erscheinen bisweilen doppelt
schon an klaren Tagen, wenn der Blick in ihren Fenstern
oder zu Haupten den voriiberziehenden Wolken begegnet.
Die Zerstorung bekraftigt durcb das vergangliche Sehau-
spiel, das sie am Himmel eroffnet, die Ewigkeit dieser
Triimmer.
SEVILLA ALCAZAR. Eine Architektur, die dem ersten
Zuge der Pbantasie folgt. Sie ist durch praktiscbe Be-
denken ungebrocben. Nur Traume und Feste, deren Er-
fullung, sind in den boben Gemachern vorgeseben. Darin-
nen werden Tanz und Schweigen Leitmotiv, weil alle
menscblicbe Bewegung vom stillen Getflmmel des Orna-
mentes eingesogen wird.
MARSEILLE KATHEDRALE. Auf dem menschen-
leersten, sonnigsten Platz stebt die Kathedrale. Hier ist
es ausgestorben, trotzdem im Stiden, zu ihren FiiBen, La
Joliette, der Hafen, im Norden ein Proletarierviertel dicht
anstoBt. Als Umschlagplatz fur ungreifbare, undurcb-
schaubare Ware steht da das 6de Bauwerk zwischen Mole
und Speicher. An vierzig Jahre hat man darangesetzt.
Docb als dann 1893 alles fertig war, da hatten Ort und
Zeit an diesem Monument sich gegen Architekten und Bau-
berrn siegreicb verschworen und aus den reichen Mitteln
des Klerus war ein Riesenbahnhof entstanden, der nie-
mals dem Verkebr konnte iibergeben werden. An der
Fassade sind die Wartesale im Innern kenntlich, wo Rei-
sende I.— IV. Klasse (docb vor Gott sind sie alle gleicb),
eingeklemmt wie zwiscben Koffer in ihre geistige Habe,
sitzen und in Gesangbiicbern lesen, die mit ibren Konkor-
danzen und Korrespondenzen den internationalen Kurs-
biicbern sebr abnlicb sehen. Ausztige aus der Eisenbabn-
verkebrsordmmg bangen als Hirtenbriefe an den Wanden,
Tarife fur den AblaB auf die Sonderfahrten im Luxuszug
des Satan werden eingeseben und Kabinette, wo der
Weitgereiste diskret sicb reinwascben kann, als Beicht-
stiible in Bereitscbaft gehalten. Das ist der Religionsbabn-
hof zu Marseille. Scblafwagenziige in die Ewigkeit werden
zur Messezeit hier abgefertigt.
FREIBURGER MUNSTER. Mit dem eigensten Heimat-
gefiibl einer Stadt verbindet sicb fur ibren Bewobner - ja
vielleicbt nocb ftir den verweilenden Reisenden in der
Erinnerung - der Ton und der Abstand, mit dem der
Scblag ibre Turmubren anbebt.
MOSKAU BASILIUS-KATHEDRALE. Wasdiebyzan-
tiniscbe Madonna im Arm bat ist nur eine holzerne Puppe
inLebensgrbGe.' Ibr Scbmerzensausdruck vor einem Chri-
stus, dessen Kindsein nur angedeutet, nur vertreten bleibt,
ist intensiver, als sie je mit einem lebenswabren Knaben-
bilde ibn zur Scbau tragen konnte.
BOSCOTRECASE. Vornehmbeit der Pinienwalder : ibr
Dacb ist obne Verflecbtungen gebildet.
NEAPEL MUSEO NATIONALE. Arcbaische Statuen
tragen im Lacheln das BewuBtsein ibres Leibes dem Be-
trachter entgegen wie ein Kind die frisch gepfliickten
Blumen ungebunden und zerstreut uns entgegenhebt,
wahrend die spatere Kunst strenger die Mienen scbiirzt,
gleich dem Erwacbsenen, der mit schneidenden Grasern
den dauernden StrauB fliebt.
FLORENZ BAPTISTERIUM. Auf dern Portal die,, Spes"
Andrea de Pisanos. Sie sitzt und hilflos erhebt sie die
Arme nacb einer Frucbt, die ibr unerreicbbar bleibt. Den-
nocb ist sie gefliigelt. Nicbts ist wahrer.
HIMMEL. Im Traume trat ich aus einem Hause und er-
blickte den Nacbthimmel. Ein wildes Glanzen ging von
ibm aus. Denn, ausgestirnt wie er war, standen die Bilder,
nach denen man Sterne zusammenfugt, in sinnbcber
Gegenwart da. Ein Lowe, eine Jungfrau, eine Wage und
viele andere starrten, als dichte Sternbaufen, auf die Erde
berunter. Kein Mond war zu sehen.
©PTIKER
Im Sommer fallen die dicken Leute auf, im Winter die
dunnen.
Im Friibling gewabrt man bei bellem Sonnenwetter das
junge Laub, im kalten Regen die nocb unbelaubten Aste.
Wie ein gastlicher Abend verlaufen ist, das siebt an der
Stellung der Teller und Tassen, der Becber und Speisen,
wer zuriickblieb, auf einen Blick.
Grundsatz der Werbung: sicb siebenfach machen; sieben-
facb sich um die stellen, die man begebrt.
Der Blick ist die Neige des Menscben.
SPIELWAHEN
MODELLIERBILDERBOGEN. Buden baben wie groBe
schwankende Kahne zu beiden Seiten die steinerne Mole
angelaufen, auf der die Leute sich scbieben. Es gibt Segler,
die Masten aufragen lass en, an denen die Wimpel berunter-
hangen, Dampfer, aus deren Schornsteinen Raucb steigt,
Lastkabne, die ibre Ladung lange verstaut balten. Dar-
unter sind Scbiffe, in deren Baucb man verschwindet; nur
Manner diirfen hinunter, aber man sieht durcb Luken bin-
durch Frauenarme, Scbleier und Pfauenfedern. Anderswo
steben Fremdlinge auf dem Verdeck und scheinen mit
exzentriscber Musik das Publikum abschrecken zu wol-
len. Aber wie gleichgiiltig wird es nicbt empfangen. Man
steigt zogernd binauf, mit breitem, wiegendem Gange
wie iiber Scbiffstreppen, und bleibt, solange man oben ist,
gewartig, daB sich das Ganze vom Ufer ablost. Die
schweigsam und benommen dann wieder auftaucben,
haben auf roten Skalen, wo gefarbter Weingeist auf- und
absteigt, die eigene Ebe werden und vergeben seben; der
gelbe Mann, der unten anfing zu werben, verlieB am oberen
Ende dieses MaBstabs die blaue Erau. In Spiegel haben
sie geblickt, wo ibnen wasserig der Boden unter den FtiBen
fortscbwamm und sind iiber rollende Treppen ins Freie
gestolpert. Unrube bringt die Flotte libers Quartier:
Frauen und Madchen da drinnen sind frecb aufgelegt und
alles EBbare wurde im Scblaraffenland selber verladen.
Man ist so ganzlicb durcb das Weltmeer abgescbnitten, daB
alles wie zum ersten- und zum letztenmal zugleicb hier
angetroffen wird. Seelowen, Zwerge und Hunde sind wie
in einer Arcbe aufbewabrt. Sogar die Eisenbahn ist ein fur
allemal bier eingebracht und fabrt auf ibrem Kreislauf
immer wieder durch einen Tunnel. Fur einige Tage ist das
Quartier zur Hafenstadt einer Siidseeinsel geworden und
die Bewobner Wilde, welcbe in Begier und Staunen vor
dem vergeben, was Europa ihnen vor die FiiBe wirft.
SCHIESSSCHEIBEN. SchieBbudenlandschaften miiB-
ten, in eineni Korpus gesammelt, bescbrieben werden. Da
war eine Eiswilste, von der an vielen Stellen weiBe Ton-
pfeifenkopfe, die Zielpunkte, strahlenformig gebundelt,
sicb abhoben. Hinten, vor einem unartikulierten Streifen
Waldes, waren zwei Forster aufgemalt, ganz vorn, gleich-
sam Versatzstiicke, zwei Sirenen mit provozierenden
Briisten in Olfarbe. Anderswo strauben sicb Pfeifen im
Haar von Frauen, die selten mit Rocken gemalt sind, meist
in Trikots. Oder sie gehen aus eineni Facber hervor, den
sie in der Hand entfalten. Beweglicbe Pfeifen drehen sich
langsam im hinteren Grunde der „Tirs aux Pigeons".
Andere Buden prasentieren Tbeater, in denen der Be-
schauer mit der Flinte Regie fiihrt. Triift er ins Schwarze,
dann fangt die Vorstellung an. So waren einmal seebsund-
dreiBig Kasten und iiberm Biibnenrabmen stand bei jedem,
was man dahinter zu erwarten batte: „ Jeanne d'Arc en
prison", „L'hospitaIite", „Les rues de Paris". Aus
einer anderen Bude : „Execution capitale". Vor dem ver-
scblossenen Tore eine Guillotine, ein Ricbter im scbwar-
zen Talar und ein Geistlicber, welcber das Kreuz bait.
TrifFt der SehuB, gebt das Tor auf, ein Holzbrett scbiebt
sicb vor, auf dem der Delinquent zwiscben zwei Schergen
stent. Er legt sicb automatiscb unters Fallbeil und der
Kopf wird ibm abgebauen. Dieselbe: „Les delices du
mariage". Ein kummerlicbes Interieur eroffnet sicb. Den
Vater sieht man mitten in der Stube, er bait ein Kind auf
den Knien, mit seiner freien Hand scbaukelt er die Wiege,
in welcber noch eines liegt. „L'enfer" - wenn ibre Pforten
auseinandergehen, erblickt man einen Teufel, welcher eine
arme Seele qualt. Daneben drangt ein anderer einen Pfaf-
fen auf den Kessel zu, in welchem die Verdammten
schmoren miissen. „Le bagne" - ein Tor, davor ein Ge-
fiingniswarter. Wenn man getroffen hat, zieht er an einer
Glocke. Es klingelt, das Tor geht auf. Man sieht zwei
Straflinge an einem groBen Rade hantieren; sie scheinen
es drehen zu miissen. Wieder eine andere Konstellation :
ein Geiger mit seinem Tanzbar. Man schiefit hinein und
der Fiedelbogen bewegt sicb. Der Bar schlagt mit einer
Tatze die Pauke und bebt ein Bein. Man muB an das Mar-
eben vom tapferen Schneiderlein denken, konnte aucb
Dornroschen mit einem Scbusse wieder erweckt, Schnee-
wittcben durcb einen ScbuB von dem Apfel befreit, Rot-
kappcben in einem ScbuB sicb aufgelost denken. Der
ScbuB scblagt marcbenbaft, mit jener beilsamen Gewalt
ins Dasein der Puppen ein, die den Ungetumen das
Haupt vom Rumpfe baut und als Prinzessinnen sie ent-
larvt. So wie bei jenem groBen aufschriftlosen Tor: wenn
man gut gezielt hat, offnet es sich und vor roten Pliisch-
vorbangen stebt ein Mohr, der sich leicbt zu verneigen
scheint. Er tragt vor sich her eine goldene Schussel. Darauf
liegen drei Frilcbte. Es offnet die erste sich, und eine win-
zige Person steht drin und verbeugt sich. In der zweiten
dreben sich tanzend zwei ebenso winzige Puppen. (Die
dritte tat sich nicbt auf.) Darunter, vor dem Tisch, auf
dem die sonstige Szenerie sich aufbaut, ein kleiner Reiter
aus Holz mit der Uberschrift : „Route minee". Trifft man ins
Schwarze, so knallt es, und der Reiter mit seinem Pferd iiber-
schlagt sich, bleibt aber, woblverstanden, auf ihm sitzen.
STEREO SKOP. Riga. Der tagliche Markt, die gedrangte
Stadt aus niedrigen Holzbuden zieht auf der Mole, einem
breiten, scbmutzigen Steinwall obne Speichergebaude sich
am Wasser der Diina entlang. Kleine Dampfer, die oft
kaum mit dem Schornstein uber die Kaimauer reichen,
baben die scbwarzlicbe Zwergenstadt angelaufen. (Die
groBeren ScbifFe liegen diinaabwarts.) Sehmutzige Bretter
sind der tonige Grund, auf dem, in der kalten Luft leucb-
tend, einige wenige Farben zergeben. An mancben Ecken
steben bier das ganze Jabr neben Fiscb-, Fleiscb-, Stiefel-
und Kleiderbaracken Kleinbiirgerweiber mit den bunten
Papierruten, die nach Westen nur um die Weibnacbtszeit
vordringen. Von der geliebtesten Stimme gescbolten wer-
den - so sind diese Ruten. Fur wenige Santimes vielfarbige
Strafbtischel. Am Ende der Mole liegt in bolzemen Scbran-
ken nur dreiBig Scbritt vom Wasser entfernt mit seinen
rotweiBen Bergen der Apfelmarkt. Die feilgebotenen Apfel
steeken im Strob und die verkauften obne Stroh in den
Korben der Hausfrauen. Eine dunkelrote Kircbe erbebt
sicb dabinter, die in der friscben Novemberluft gegen die
Backen der Apfel nicbt aufkommt. - Mebrere Laden fiir
Sehifferbedarf in kleinen Hauscben unweit der Mole. Taue
sind aufgemalt. Uberall siebt man die Ware abgemalt auf
Scbildern oder auf die Hauswand gepinselt. Ein Geschaft
in der Stadt bat auf der unverputzten Ziegelwand Koffer
und Riemen iiberlebensgroB. Ein niedriges Eckbaus mit
einem Laden fur Korsetts und Damenbtite ist mit ge-
putzten Damengesichtern und strengen Miedern auf oeker-
gelbem Grunde bemalt. Im Winkel davor stebt eine La-
terne, die auf den Glasscbeiben Ahnliches darstellt. Das
Ganze ist wie die Fassade eines Pbantasiebordells. Ein
anderes Haus, ebenfalls unweit des Hafens, bat Zucker-
sacke und Kohlen grau und scbwarz plastiscb auf grauer
Hauswand. Scbube irgendwo anders regnen aus Fiill-
bornern nieder. Eisenwaren sind bis ins einzelne, Hammer,
Zahnrader, Zangen und kleinste Scbraubchen auf ein
Schild gemalt, das wie erne Vorlage aus veralteten Kinder-
malbuchern aussieht. Mit solchen Bildern ist die Stadt
durchsetzt: gestellt wie aus Scbubladen. Dazwischen aber
ragen viel bohe festungsartige, todtraurige Gebaude
heraus, die alle Schrecken des Zarismus wachrufen.
UNVERKAUFLICH. Mechanisebes Kabinett auf dem
Jahrmarkt zu Lucca. In einem langgestreckten sym-
metrisch geteilten Zelt ist die Ausstellung untergebracbt.
Einige Stufen fiibren herauf. Das Aushangeschild vertritt
ein Tiscb mit einigen unbeweglichen Puppen. Durcb die
recnte Offnung betritt man das Zelt, durcb die linke ver-
laBt man es wieder. Im bellen Innenraume zieben zwei
Tiscbe sich in die Tiefe. Sie stoBen an der inneren Langs -
kante zusammen, sodaB nur ein schmaler Raum fur den
Umgang bleibt. Beide Tische sind niedrig und glasgedeckt.
Auf ibnen steben die Puppen (zwanzig bis fiinfundzwanzig
Zentimeter bocb im Durehschnitt), wabrend in ibrem
unteren verdeckten Teile das Ubrwerk, das die Puppen
treibt, vernehmbar tickt. Ein kleiner Tritt fur Kinder lauft
an den Kanten der Tiscbe entlang. An den Wanden sind
Zerrspiegel. - Dem Eingang zunacbst siebt man Furstlicb-
keiten. Jede macbt irgendeine Bewegung : die eine mit dem
rechten oder linken Arm eine weitausbolende einladende
Geste, die anderen eine Scbwenkung der glasernen Blicke ;
mancbe rollen die Augen und rubren die Arme zu gleicher
Zeit. Franz Joseph, Pio IX., thronend und flankiert von
zwei Kardinalen, die Konigin Elena von Italien, die Sul-
tanin, Wilbelm I. zu Pferde, Napoleon III. klein und
kleiner nocb Vittorio Emmanuele als Kronprinz steben
da. Biblische Figurinen folgen, darauf die Passion.
Herodes befiehlt mit sebr mannigfachen Bewegungen des
■ s*.
Hauptes den Kindermord. Er offnet weit den Mund und
nickt dazu, streckt den Arm aus und laBt ihn wieder fallen.
Zwei Henker stehen vor ihm: der eine leerlaufend mit
schneidendem Schwert, ein enthauptetes Kind unterm
Arm, der andere, im BegrifFe zuzustechen, steht, bis aufs
Augenrollen, unbeweglich. Und zwei Mutter dabei: die
eine unaufhorlich sacht ihren Kopf scbilttelnd wie eine
Schwermfitige, die andere langsam, flehend die Arme
bebend. - Die Nagelung ans Kreuz. Dieses liegt am Boden.
Die Schergen sehlagen den Nagel ein. Cbristus nickt. —
Cbristus gekreuzigt, von dem Essigscbwamm getrankt,
den ibm ein Kriegsknecbt langsam, ruckweis reicht und
augenblicklich wieder entziebt. Der Heiland bebt dabei
ganz wenig das Kinn. Von hinten beugt ein Engel mit dem
Kelcb fur Blut sich ubers Kreuz, fuhrt ihn vor und ziebt
ihn dann, als ware er gefullt, zuruck. - Der andere Tisch
zeigt genrehafte Bilder. Gargantua mit Knodeln. Vor
einem Teller schaufelt er mit beiden Handen sie in den
Mund, indem er abwechselnd den reehten und den linken
Arm hebt. Beide Hande halten je eine Gabel, an der ein
Klofi steckt. - Ein spinnendes Alpenfraulein. - Zwei
Affen, die Geige spielen. - Ein Zauberer hat zwei tonnen-
artige Behalter vor sich. Der rechte offnet sich und daraus
taucht mit ihrem Oberkorper eine Dame. Sodann ver-
sinkt sie. Es offnet sich der linke : daraus hebt zu halber
Hohe sich ein Mannerleib. Von neuem offnet sich der rechte
Behalter und nun steigt da der Schadel eines Bocks mit
dem Gesicht der Dame zwischen den Hornern hervor. Da-
nach hebt es sich links : ein Affe stellt sich statt des Man-
nes dar. Sodann geht alles wieder von vorne an. — Ein
anderer Zauberer: er hat vor sich einen Tisch und halt
je einen umgekehrten Becber in der reehten und linken
Hand. Darunter erscheinen, wie er abwechselnd den einen
oder den anderen hebt, bald ein Brot oder ein Apfel, eine
Blume oder ein Wurfel. — Der Zauberbrunnen : kopf-
schiittelnd stent ein Bauernknabe vor einem Ziebbrunnen.
Ein Madcben zieht und der unabgesetzte dicke Strahl aus
Glas rinnt aus der Brunnenoffnung. - Die verzauberten
Liebenden: Ein goldenes Gebiiscb oder eine goldene
Flamme tut in zwei Fliigeln sich auf. Darin werden zwei
Puppen sichtbar. Sie wenden die Kopfe einander zu und
dann wieder ab, als saben sie mit fassungslosem Staunen
sich an. - Unter alien Figuren ein kleines Papier mit der
Aufschrift. Das Ganze aus dem Jahre 1862.
POLIKLINIK
Der Autor legt den Gedanken auf den Marmortiscb des
Cafes. Lange Betracbtung: denn er benutzt die Zeit, da
nocb das Glas — die Linse, unter der er den Patienten vor-
nimmt - nicht vor ihm steht. Dann packt er sein Besteck
allmablicb aus: Ftillfederbalter, Bleistift und Pfeife. Die
Menge der Gaste macht, amphitbeatraliscb angeordnet,
sein kliniscbes Publilcum. KafFee, vorsorglicb eingefullt
und ebenso genossen, setzt den Gedanken unter Chloro-
form. Worauf der sinnt, bat mit der Sacbe selbst nicbt
mebr zu tun, als der Traum des Narkotisierten mit dem
cbirurgiscben Eingriff. In den bebutsamen Lineamenten
der Handscbrift wird zugeschnitten, der Operateur ver-
lagert im Innern Akzente, brennt die Wucberungen der
Worte beraus und schiebt als silberne Rippe ein Fremd-
wort ein. Endlich naht ibm mit feinen Sticben Inter-
punktion das Ganze zusammen und er entlohnt den Kell-
ner, seinen Assistenten, in bar.
D1BSE FLACH EN BIND ZU VERMIETEI
Narren, die den Verfall der Kritik beklagen. Denn deren
Stunde ist langst abgelaufen. Kritik ist eine Sache des
rechten Abstands. Sie ist in einer Welt zu Hause, wo es
auf Perspektiven und Prospekte ankommt und einen
Standpunkt einzunehmen noch moglich war. Die Dinge
sind indessen viel zu brennend der menscblichen Gesell-
schaft auf den Leib geriickt. Die ,Unbefangenheit'j, der
,freie Blick' sind Luge, wenn nicht der ganz naive Aus-
druck planer Unzustandigkeit geworden. Der heute wesen-
bafteste, der merkantile Blick ins Herz der Dinge beiBt
Reklame. Sie reiBt den freien Spielraum der Betracbtung
nieder und riickt die Dinge so gefahrlich nab uns vor die
Stirn, wie aus dem Kinorahmen ein Auto, riesig an-
wacbsend, auf uns zu zittert. Und wie das Kino Mobel und
Fassaden nicbt invollendetenEiguren einer kritiscben Be-
tracbtung vorfuhrt, sondern allein ibre sture, sprungbafte
Nahe sensationell ist, so kurbelt ecbte Reklame die Dinge
beran und hat ein Tempo, das dem guten Film entspricbt.
Damit ist denn ,Sacblichkeit' endlicb verabscbiedet, und
vor den Riesenbildern an den Hauserwanden, wo „Cbloro-
dont" und „Sleipnir" fiir Giganten bandlicb liegen, wird
die gesundete Sentimentalitat amerikaniscb frei, wie
Menscben, welcbe nichts mebr rilbrt und anrixbrt, im Kino
wieder das Weinen lernen. Fiir den Mann von der StraBe
aber ist es das Geld, das dergestalt die Dinge ihm nahe
riickt, den schlussigen Kontakt mit ibnen berstellt. Und
der bezahlte Rezensent, der im Kunstsalon des Handlers
mit Bildern manipuliert, weiB, wenn nicht Besseres so Wich-
tigeres von ibnen, als der Kunstfreund, der sie im Schau-
fenster sieht. Die Warme des Sujets entbindet sicb ihm und
stimmt ihn gefiihlvoli. - Was macht zuletzt Reklame der
Kritik so tiberlegen? Nicht was die rote elektrische Lauf-
schrift sagt - die Feuerlache, die auf dem Asphalt sie
spiegelt.
BUROBEDAFtF
Das Chefzimmer starrt von Waffen. Was als Komfort den
Eintretenden besticht, das ist in Wahrheit ein cachiertes
Arsenal. Ein Telephon auf dem Schreibtisch schlagt alle
Augenblicke an. Es fallt einem an der wicbtigsten Stelle
ins Wort und gibt dem Gegeniiber Zeit, sicb seine
Antwort zurechtzulegen. Indessen zeigen Brocken vom
Gesprach, wieviele Angelegenheiten hier verhandelt Wer-
den, die wicbtiger sind als die, die an der Reihe ist. Man
sagt sich das und langsam fangt man an, von seinem
eigenen Standpunkte abzurutscben. Man beginnt sich zu
fragen, von wem da die Rede ist, vernimmt mit Schrecken,
daB der Unterredner morgen nach Brasilien fahrt und ist
bald mit der Firma derart solidarisch, daB die Migrane,
tiber die er sich am Telephon beklagt, als bedauerliche Be-
triebsstorung (statt als Chance) verzeichnet wird. Gerufen
oder ungerufen tritt die Sekretarin ein. Sie ist sehr biibsch.
Und ist ihr Brotherr gegen ihre Reize, sei's gefeit, sei's als
Bewunderer langst mit ihr im Reinen, so wird der NeuMng
mehr als einmal nach ihr sehen, und sie versteht es, ihrem
Chef zu Dank zu handeln. Sein Personal ist in Bewegung,
Kartotheken aufzutischen, in denen der Gastfreund in
den verschiedenstenZusammenhangen sich rubriziert weiB.
Er beginnt zu ermiiden. Der andere aber, der das Licht im
Rticken hat, liest aus den Ztigen des blendend bestrahlten
Gesichts mit Befriedigung das ab. Auch der Sessel tut
seine Wirkung; man sitzt darin so tief zuriickgelehnt wie
beim Dentisten und nimmt das peinliche Verfahren dann
zuletzt nocb. fur den ordnungsmaBigen Verlauf der Dinge.
Eine Liquidation folgt friiher oder spater auch dieser Be-
handlung.
STUCKGUT: SREDJTION UND VER-
PACKUNQ
Ich fuhr fruh morgens mit dem Auto durch Marseille zur
Bahn, und wie mir unterwegs bekannte Stellen, dann neue,
unbekannte oder andere, die ich nur ungenau erinnern
konnte, aufstiefien, wurde die Stadt ein Buch in meinen
Handen, in das ich schnell noch ein paar Blicke warf, be-
vor es in der Kiste auf dem Speicher mir auf wer weilJ
wie Iange aus den Augen kommen sollte.
WEGEN UMBAU GESCHLOSSEN!
Im Traum nahm ich mir mit einem Gewehr das Leben.
Als der Schufi fiel, erwachte ich nicht, sondern sah mich
eine Weile als Leiche liegen. Dann erst wachte ich auf.
„AUGEAS"
AUTOIV8ATISCHES RESTAURANT
Dies ist der starkste Einwand gegen die Lebeweise des
Hagestolz : er nimmt einsam sein Essen. Einsam zu speisen
macht leicht hart und roh. Wer es gewohnt ist, muiJ spar-
tanisch leben, um nicht zu verkommen. Einsiedler haben,
sei's nur darum, sich frugal bekostigt. Denn dem Essen
wird nur in der Gemcinschaft sein Recht; es will geteilt
und ausgeteilt sein, wenn es anschlagen soil. Gleichvicl
wem: frtiher bereicherte ein Bettler am Tisch jede Mahl-
zeit. Aufs Teilen und aufs Geben kommt alles an, nichts
auf soziables Gesprach in der Runde. Erstaunlich ist aber
wiederum, dafi Geselligkeit kritisch wird ohne Speisen.
Bewirtung nivelliert und verbindet. Der Graf von Saint-
Germain blieb niichtern vor vollen Tafeln und scbon auf
diese Weise Herrscher im Gesprach. Wo aber jeder einzelne
leer ausgeht, da kommen die Rivalitaten mit ihrem Streit.
B HI EFMARKEN -HAND LUNG
Wer Stapel alter Briefschaften durchsieht, dem sagt oft
eine Marke, die langst auBer Kurs ist, auf einem briichigen
Umschlag mehr als Dutzende von durchlesenen Seiten.
Mancbmal begegnet man ihnen auf Ansichtskarten und
weiB dann nicht, soil man sie ablosen oder soil man die
Karte bewahren wie sie nun einmal ist, wie das Blatt ein.es
alten Meisters, das auf der vorderen und der hinteren Seite
zwei verschiedene gleich wertvolle Zeichnungen hat? Es
gibt auch, in den Glaskasten von Cafes, Briefe, die etwas
auf dem Kerbholz haben und vor aller Augen am Pranger
stehen. Oder hat man sie deportiert und mtissen sie in
diesem Kasten Jahr und Tag auf einem glasernen Salas
y Gomez schmachten? Briefe, die lange unerofrhet blieben,
bekommen etwas Brutales ; sie sind Enterbte, die hamisch
im stillen Rache fiir lange Leidenstage Schmieden. Viele
von ihnen stellen spater in den Fenstern der Briefmarken-
handler die tiber und iiber von Stempeln gebrandmarkten
Ganzsachen dar.
Man weiB, es gibt Sammler, die sich nur mit gestempelten
Marken befassen und viel fehlt nicht, so wollte man glau-
J 1
ben, sie sind die einzigen, die ins Geheimnis eingedrungen
sind. Sie halten sich an den okkulten Teil der Marke; an
den Stempel. Denn der Stempel ist deren Nacbtseite. Es
gibt feierliche, die um das Haupt der Queen Victoria einen
Heiligenschein und propbetische, die eine Martyrerkrone
um Humbert legen. Aber keine sadistische Phantasie
reicbt an die scbwarze Prozedur heran, die mit Striemen
die Gesicbter bedeckt und durch das Erdreich ganzer
Kontinente Spalten reiBt wie ein Erdbeben. Und die per-
verse Freude am Kontrast dieses gescbandeten Marken-
korpers mit seinem weiBen, spitzengarnierten Tullkleid:
der Zabnung. Wer Stempeln nachgeht, mufi als Detek-
tiv Signalements der verrufensten Postanstalten, als
Archaologe die Kunst, den Torso fremdester Ortsnamen
zu bestimmen, als Kabbalist das Inventar der Daten fur
ein ganzes Jabrbundert besitzen.
Briefmarken starren von Zifferchen, winzigen Bucbs taben,
Blattchen und Auglein. Sie sind graphische Zellengewebe.
Das alles wimmelt durcbeinander und lebt, wie niedere
Tiere, selbst zerstiickelt fort. Darum macbt man aus Brief-
markenteilcben, die man zusammenklebt, so wirksame
Bilder. Aber auf ihnen bat Leben immer den Einscblag
von Verwesung zum Zeicben, dafi es aus Abgestorbenem
sicb zusammensetzt. Ibre Portrats und obszonen Gruppen
stecken voller Gebeine und Wiirmerhaufen.
Bricbt in der Farbenfolge der langen Satze sieb vielleicht
das Licbt einer fremden Sonne? Wurden in den Post-
ministerien des Kircbenstaats oder von Ecuador Strahlen
aufgefangen, die wir andern nicht kennen? Und warum
zeigt man uns nicbt die Marken der besseren Planeten?
Die tausend Stufen von Feuerrot, die auf der Venus in
Umlauf sind und die vier groBen grauen Werte vom Mars
und die zifferlosen Saturnmarken?
Lander und Meere sind auf Marken nur die Provinzen,
Konige nur die Soldner der Ziifern, die nach Gefallen ihre
Farbe iiber sie ausgieBen. Briefmarkenalben sind ma-
gische Nachschlagewerke, die Zahlen der Monarchen und
Palaste, der Tiere und Allegorien und Staaten sind in ihnen
niedergelegt. Der Postverkehr beruht auf deren Harmonie
wie auf den Harmonien der himmlischen Zablen der Ver-
kehr der Planeten beruht.
Alte Groschenmarken, die im Oval nur ein oder zwei groBe
ZifFern zeigen. Sie sehen aus wie jene ersten Photos, aus
denen in den schwarz lackierten Rahmen Verwandte, die
wir niemals kannten, auf uns herabsehen: Verzifferte
GroBtanten oder Voreltern. Auch Thurn und Taxis hat
die groBen Ziifern auf den Marken ; da sind sie wie ver-
hexte Taxameternummern. Man wtirde sich nicht wun-
dern, wenn eines Abends das Licht einer Kerze dahinter
durchscheint. Dann aber gibt es kleine Marken ohne Zah-
nung, ohne Angabe einer Wahrung und eines Landes. Im
dichten Spinnennetz tragen sie nur eine Nummer. Das
sind vielleicht die wahren Schicksalslose.
Schriftziige auf den ttirkischen Piastermarken sind wie
die schrag gestellte, allzuflotte, allzublitzende Busennadel
auf der Krawatte eines gerissenen, halb nur europSisierten
Kaufmanns aus Konstantinopel. Sie sind vom Schlage
der postalischen Parvenus, der groBen, schlechtgezahnten,
schreienden Formate von Nicaragua oder Kolumbien, die
sich zu Banknoten herausstaffieren.
Nachportomarken sind die Spirits unter den Briefmarken.
Sie andern sich nicht. Der Wechsel der Monarch en und
Regierungsformen geht spurlos wie an Geistern an ihnen
voriiber.
Das Kind sieht nach dem fernen Liberia durch ein ver-
kehrt gehaltenes Opernglas: da liegt es hinter seinem
Streifcben Meer mit seinen Palmen genau wie es Brief-
marken zeigen. Mit Vasco da Gama segelt es urn ein Drei-
eck, das gleichschenklig ist wie die Hoffnung und dessen
Farben mit dem Wetter sich andern. Reiseprosptkt vom
Kap der Guten Hoffnung. Venn es den Schwan auf
australischen Marken sieht, dann ist das, auch auf den
blauen, griinen und braunen Werten, der schwarze Schwan,
der nur in Australien vorkommt und hier auf den Gewas-
sern eines Teiches als auf dem stillsten Ozean dahinzieht.
Marken sind die Visitenkarten, die die groGen Staaten in
der Kinderstube abgeben.
Als Gulliver bereist das Kind Land und Volk seiner Brief-
marken. Erdkunde und Geschichte der Liliputaner, die
ganzeWissenschaftdes kleinenVolks mit alien ihren Zah-
len und Namen wird ihm im Schlafe eingegeben. Es nimmt
an ihren Geschaften teil, wohnt ihren purpurnen Volksver-
sammlungen bei, sieht dem Stapellauf ihrer Schiffchen zu
und feiert mit ihren gekronten Hauptern, die hinter
Hecke thronen, Jubilaen.
Es gibt bekanntMch eine Briefmarkensprache, die sich zur
Blumensprache verhalt wie das Morsealphabet zu dem
geschriebenen. Wie lange aber wird der Blumenflor zwi-
schen den Telegraphenstangen noch leben ? Sind nicht die
groBen kiinstlerischen Marten, der Nachkriegszeit mit
ihren vollen Farben schon die herbstlichen Astern und
Dahlien dieser Flora? Stephan, ein Deutscher, und nicht
zufallig ein Zeitgenosse Jean Pauls, hat in der sommer-
lichen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts diese Saat
gepflanzt. Sie wird das zwanzigste nicht iiberleben.
SI PARLA ITALIANO
Ich sa6 nachts mit heftigen Sehmerzen auf einer Bank.
Mir gegenuber auf einer zweiten nahmen zwei Madchen
Platz. Sie schienen sich vertraut besprechen zu wollen und
begannen zuftustern. Niemand auBer mir war in der Nahe,
und ich hatte ihr Italienisch nicht verstanden, so laut es
sein mochte. Nun konnte ich bei diesem unmotivierten
Flustern in einer mir unzuganglichen Sprache mich des
Gefuhls nicht erwehren, es lege sich urn die sehmerzende
Stelle ein kuhler Verband.
TECHNISCHE NIOTH1LFE
Es gibt nichts Armeres als eine Wahrheit, ausgedruckt
wie sie gedacht ward. In solchem Fall ist ihre Niederschrift
noch nicht einmal eine schlechte Photographic Auch
weigert sich die Wahrheit (wie ein Kind, wie eine Frau,
die uns nicht liebt) vorm Objektiv der Schrift, wenn wir
uns unters schwarze Tuch gekauert haben, still und recht
freundlich zu blicken. Jah, wie mit einem Schlage will
sie aus der Selbstversunkenheit gescheucht und sei es von
Krawall, sei's von Musik, sei es von Hilferufen auf-
geschreckt sein. Wer wollte die Alarmsignale zahlen, mit
denen das Innere des wahren Schriftstellers ausgestattet
ist? Und ,Sehreiben' heiBt nichts anderes als sie in Funk-
tion setzen. Dann fahrt die siiBe Odaliske auf, reiBt das
Erste Beste an sich, was im Tohuwabohu ihres Boudoirs,
unseres Gehirnkastens, ihr in die Hande fallt, nimmt's
urn und fliicbtet so, unkenntlich fast, vor uns zu den Leu-
ten. Wie wohl beschaffen mufi sie aber sein und wie ge-
sund gebaut, um so, verstellt, gebetzt, doch siegreieh,
liebenswiirdig, unter sie zu treten.
KURZWAREN
Zitate in meiner Arbeit sind wie Rauber am Weg, die be-
waffnet hervorbrechen und dem MiiBigganger die Uber-
zeugung abnebmen.
Die Totung des Verbrechers kann sittlich sein - niemals
ihre Legitimierung.
Der Ernabrer aller Menschen ist Gott und der Staat ibr
Unterernabrer.
Der Ausdruck der Leute, die sicb in Gemaldegalerien be-
wegen, zeigt eine schlecbt verhehlte Enttauschung dar-
uber, daii dort nur Bilder hangen.
STEUERBERATUNO
Kein Zweifel: es bestebt ein gebeimer Zusammenbang
zwischen dem Ma8 der Giiter und dem Mali des Lebens,
will sagen, zwischen Geld und Zeit. Je nichtiger die Zeit
ernes Lebens erfullt ist, desto briichiger, vielgestaltiger,
disparater sind seine Augenblicke, wahrend die groBe
Periode das Dasein des uberlegenen Menschen bezeicbnet.
Sebr ricbtig schlagt Lichtenberg vor, vom Verkleinern der
Zeit zu reden statt vom Verkiirzen und derselbe bemerkt :
„Ein paar Dutzend Millionen Minuten macben ein Leben
von fiinfundvierzig Jahren und etwas dariiber." Wo ein
Geld im Gebrauch ist, von dem ein Dutzend Millionen
Einheiten nicbts bedeutet, da wird das Leben nacb Se-
kunden statt nach Jahren gezahlt werden miissen, um
als Summe respektabel zu erscheinen. Und demgemaiJ
wird es verzettelt werden wie ein Bundel Banknoten:
Osterreicb kann sich die Kronenrecbnung nicht abge-
wohnen.
Geld gehort mit Regen zusammen. Das Wetter selbst ist
ein Index vom Zustande dieser Welt. Seligkeit ist wolken-
los, kennt kein Wetter. Es kommt auch ein wolkenloses
Reich der vollkommenen Giiter, auf die kein Geld fallt.
Es ware eine bescbreibende Analysis der Banknoten zu
liefern. Ein Bueh, dessen grenzenlose Kraft der Satire
ihresgleiehen nur in der Kraft seiner Sachlichkeit batte.
Denn nirgends mehr als in diesen Dokumenten gebardet
der Kapitalismus sich naiv in seinem heiligen Ernst. Was
hier an unschuldigen Kleinen um Ziffern spielt, als Got-
tinnen Gesetzestafeln halt und an gereiften Helden vor
Miinzeinheiten sein Schwert in die Scheide steckt, das ist
eine Welt fttr sich: Fassadenarchitektur der Holle. -
Wenn Lichtenberg das Papiergeld verbreitet gefunden
hatte, ware der Plan dieses Werkes ihm nicht entgangen.
RECHTSSCHUTZ FUR UNBEMiTTELTE
VERLEGER: Meine Erwartungen sind aufs schwerste
enttauscht worden. Ihre Sachen haben gar keine Wirkung
beim Publikum; sie Ziehen nicht im geringsten. Und ich
habe an Ausstattung nicht gespart. Ich habe mich fur
Reklamen verausgabt. - Sie wissen, wie ich nach wie vor
Sie schatze. Sie werden es mir aber nicht verdenken kon-
nen, wenn nun auch mein kaufmannisch.es Gewissen sich
regt. Wenn irgendeiner, tue ich fur die Autoren, was ich
kann. Aber schlieBlich habe ich auch fur Frau und Kinder
zu sorgen. Ich will naturlich nicht sagen, daB ich die
Verluste der letzten Jahre Ihnen nachtrage. Aber das
bittere Gefuhl einer Enttauschung wird bleiben. Zurzeit
kann ich Sie leider absolut nicht weiter unterstiitzen.
AUTOR : Mein Herr ! Warum sind Sie Verleger geworden?
Das werden wir umgehend heraushaben. Vorher gestatten
Sie mir aber eins : Ich figuriere in Ihrem Archiv als Nr. 27.
Sie haben fiinf meiner Biicher verlegt; das heifit, Sie
haben fiinfmal auf 27 gesetzt. Ich bedaure, daB 27 nicht
rauskam. Ubrigens haben Sie mich nur cheval gesetzt.
Nur weil ich neben Ihrer Gliickszahl 28 liege. -Warum Sie
Verleger geworden sind, das wissen Sie nun. Sie hatten
ebensogut einen honetten Lebensberuf ergreifen konnen
wie Ihr Herr Vater. Aber immer in den Tag hinein — so
ist die Jugend. Frohnen Sie weiter Ihren Gewohnheiten.
Aber vermeiden Sie es, als ehrlichen Kaufmann sich auszu-
geben. Setzen Sie keine Unschuldsmiene auf, wenn Sie
alles verjeut haben; erzahlen Sie nichts von Ihrem acht-
stiindigen Arbeitstag und von der Nacht, in der Sie auch
kaum noch zur Ruhe kommen. „Vor allem eins, mein Kind,
sei treu und wahr!" Und machen Sie Ihren Nummern
keine Szene! Sonst wird man Sie rausschmeifien !
NACHTGLOCKE ZUWI AR1T
Die sexuelle Erfiillung entbindet den Mann von seinem
Geheimnis, das in Sexualitat nicht besteht, in- ihrer Er-
fiillung aber, und vielleicht in ihr allein, durchschnitten
— nicht gelost - wird. Es ist der Fessel zu vergleichen, die
ihn an das Leben bindet. Die Frau durchschneidet sie,
der Mann wird frei zum Tode, weil sein Leben das Ge-
heimnis verloren hat. Damit gelangt er zur Neugeburt,
und wie die Geliebte ihn vom Banne der Mutter befreit,
so lost die Frau buchstablicher von der Mutter Erde ihn,
die Hebamme, welche jene Nabelschnur durchschneidet,
die aus Naturgeheimnis geflochten ist.
MADAME ARIANEIWEITERHOF LINKS
Wer weise Frauen nach der Zukunft fragt, gibt ohne es
zu wissen, eine innere Kunde vom Kommenden preis, die
tausendmal praziser ist als alles, was er dort zu horen be-
kommt. Ihn leitet mehr die Tragheit als die Neugier und
nichts sieht weniger dem ergebenen Stumpfsinn ahnlich,
mit dem er der Enthiillung seines Schicksals beiwohnt,
als der gefahrliche, hurtige Handgriff, mit dem der Mutige
die Zukunft stellt. Denn Geistesgegenwart ist ihr Extrakt ;
genau zu merken, was in der Sekunde sich vollzieht, ent-
scheidender als Fernstes vorherzuwissen. Vorzeichen,
Ahnungen, Signale gehen ja Tag und Nacht durch unsern
Organismus wie WellenstoBe. Sie deuten oder sie nutzen,
das ist die Frage. Beides aber ist unvereinbar. Feigheit
und Tragheit raten das eine, Nuchternheit und Freiheit
das andere. Denn ehe solche Prophezeiung oder Warming
ein Mittelbares, Wort oder Bild, ward, ist ihre beste Kraft
schon abgestorben, die Kraft, mit der sie uns im Zentrum
trifft und zwingt, kaum wissen wir es, wie, nacb ihr zu
bandeln. Versaumen wir's,dann,undnur dann, entziffert sie
sich. Wir lesen sie, Aber nun ist es zu spat. Daher, wenn
unversebens Feuer ausbricht oder aus beiterm Himmel
eine Todesnacbricht kommt, im ersten stummen Schrek-
ken ein Schuldgefiihl, der gestaltlose Vorwurf : Hast du
im Grunde nicbt darum gewulk? Klang nicbt, als du zum
letzten Male von dem Toten sprachst, sein Name in dei-
nem Munde scbon anders ? Winkt dir nicbt aus den Flam-
men Gestern-Abend, dessen Spracbe du jetzt erst ver-
stebst? Und ging ein Gegenstand, der dir lieb war, verloren,
war dann nicbt Stunden, Tage vorber scbon ein Hof,
Spott oder Trauer, um ibn, der es verriet? Wie ultra -
violette Strablen zeigt Erinnerung im Buch des Lebens
jedem eine Scbrift, die unsicbtbar, als Propbetie, den Text
glossierte. Aber nicbt ungestraft vertauscbt man die In-
tentionen, liefert das ungelebte Leben an Karten, Spirits,
Sterne aus, die es in einem Nu verleben und vernutzen,
um es gescbandet uns zuriickzustellen ; betriigt nicbt un-
gestraft den Leib um seine Macbt, mit den Geschicken
sich auf seinem eigenen Grund zu messen und zu siegen.
Der Augenblick ist das kaudinische Joch, unter dem sicb
das Scbicksal ibm beugt. Die Zukunftsdrobung ins er-
fiillte Jetzt zu wandeln, dies einzig wiinscbenswerte tele-
patbische Wunder ist Werk leibbafter Geistesgegenwart.
Urzeiten, da ein solcbes Verbalten in den alltaglicben
Hausbalt des Menschen geborte, gaben im nackten Leibe
ibm das verlaBlicbste Instrument der Divination. Noch
die Antike kannte die wabre Praxis, und Scipio, der
Kartbagos Boden strauchelnd betritt, ruft, weit im Sturze
die Arme breitend, die Siegeslosung : Teneo te, Terra
Africana ! Was Schreckenszeicben, Ungliicksbild bat wer-
den wollen, bindet er leibhaft an die Sekunde und macht
sich selber aim Faktotum seines Leibes. Eben darin haben
von jeher die alten asketiscben Ubungen des Fastens, der
Keuschheit, des Wachens ibre hochsten Triumphe ge-
feiert. Der Tag liegt jeden Morgen wie ein friscbes Hemd
auf unserm Bett ; dies unvergleichlicb feine, unvergleich-
lich dichte Gewebe reinlicher Weissagung sitzt uns wie
angegossen. Das Gliick der nacbsten vierundzwanzig
Stunden hangt daran, daB wir es im Erwacben aufzu-
greifen wissen.
MASKEN-GARDEROBE
Wer eine Todesnacbricht uberbringt, erseheint sich sehr
wichtig. Sein Gefiihl macbt ihn — selbst wider alien Ver-
stand - zum Botschafter aus deni Reiche der Toten. Denn
die Gemeinscbaft aller Toten ist so riesig, daB sogar der,
der nur vom Tod bericbtet, sie verspurt. ,Ad plures ire'
hiefi bei den Lateinern sterben.
In Bellinzona bemerkte ieb drei Geistliche in der Warte-
balle des Bahnhofs. Sie saBen auf einer Bank schrag gegen-
iiber von meinem Platz. Ich beobachtete hingegeben die
Geste dessen, der in der Mitte saB und durch ein rotes
Kappchen vor seinen Brudern ausgezeichnet war. Er
spricht zu ihnen, indem er die Hande iiber deni SchoB ge-
faltet halt und nur ab und zu die eine oder die andere ganz
wenig hebt und bewegt. Ich denke : Die rechte Hand muB
was die Linke tut.
immer wissen,
Wer kam nicbt schon einmal aus der Metro ins Freie und
war betroffen, oben in das voile Sonnenlicht zu treten.
Und dennoch schien die Sonne vor ein paar Minuten, als
er hinunterstieg, genau so hell. So schnell hat er das Wetter
auf der Oberwelt vergessen. So schnell wird wiederum
sie selber ihn vergessen. Denn wer kann mehr von seinem
Dasein sagen, als daB er zwei, drei andern durch ihr Leben
so zartlich und so nah wie das Wetter gezogen ist.
Immer wieder, bei Shakespeare, bei Calderon fiillen
Kampfe den letzten Akt und Konige, Prinzen, Knappen
und Gefolge ,treten fliehend auf. Der Augenblick, da sie
Zuschauern sichtbar werden, la6t sie einhalten. Der
Flucht der dramatischen Personen gebietet die Szene halt.
Ihr Eintritt in den Blickraum Unbeteiligter und wahrhaft
Uberlegener lafit die Preisgegebenen aufatmen und urn-
fangt sie mit neuer Luft. Daher hat die Buhnenerscheinung
der ,fliehend' Auftretenden ihre verborgene Bedeutung.
In das Lesen dieser Formel spielt die Erwartung von einem
Orte, einem Licht oder Rampenlicht herein, in welchem
auch unsere Flucht durch das Leben vor betrachtenden
Fremdlingen geborgen ware.
WETTANNAHSVIE
Das burgerliche Dasein ist das Regime der Privatange-
legenheiten. Je wichtiger und folgenreicher eine Verhal-
tungsart ist, desto mehr enthebt es sie der Kontrolle.
Politisches Bekenntnis, Finanzlage, Religion - das alles
will sich verkriechen, und die Familie ist der morsche,
finstere Bau, in dessen Verschlagen und Winkeln die
schabigsten Instinkte sich festgesetzt haben. Das Philiste-
rium proklamiert restlose Privatisierung des Liebeslebens.
So ist ihm Werbung zu einem stummen, verbissenen Vor-
gang unter vier Augen geworden, und diese durch und
durch private, aller Verantwortung entbundene Werbung
ist das eigentlich Neue am „Flirt". Dagegen sind der prole-
tarische und der feudale Typ sich darin gleich, daB in der
Werbung sie viel weniger die Frau als ibre Konkurrenten
iiberwinden. Das aber heiBt die Frau viel tiefer respek-
tieren als in ibrer ,Freibeit', heiBt ibr zu Willen sein, obne
sie zu befragen. Feudal und proletariscb ist die Verlegung
der erotiscben Akzente ins Oifentliche. Mit einer Frau bei
der und der Gelegenbeit sicb zeigen, kann mebr bedeuten,
als mit ihr zu schlafen. So liegt aucb bei der Ebe der Wert
nicbt in der unfruchtbaren , Harmonic' der Gatten: als
exzentrische Auswirkung ibrer Kampfe und Konkurren-
zen tritt, wie das Kind, so auch die geistige Gewalt der
Ehe zutage.
BTEHBIERHALLE
Matrosen kommen selten an Land; der Dienst auf bober
See ist Sonntagurlaub verglicben mit der Arbeit in Hafen,
wo oft bei Tag und Nacht muB ein- und ausgeladen werden.
Wenn dann der Landurlaub fur einen Trupp auf ein paar
Stunden kommt, ist es scbon dunkel. Im besten Falle stent
die Kathedrale als finsteres Massiv am Weg zur Wirt-
scbaft. Das Bierbaus ist der Scbliissel jeder Stadt; zu
wissen, wo es deutscbes Bier zu trinken gibt, Lander- und
Volkerkunde genug. Die deutsche Seemannskneipe rollt
den nachtlieben Stadtplan auf: von dort bis zum Bordell,
bis in die anderen Kneipen durcbzufinden ist nicbt schwer.
Ihr Name kreuzt seit Tagen in den Tischgesprachen.
Denn wenn man einen Hafen verlassen hat, biBt. einer
nach dem anderen wie kleine Wimpel Spitznamen von
Lokalen und von Tanzboden, von schonen Weibern und
von Nationalgerichten aus dem nachsten. Aber wer weiB,
ob man diesmal an Land kommt. Drum sind sehon, wenn
das Schiff kaum eben deklariert und angelaufen hat,
Handler mit Andenken an Bord gekommen : Ketten und
Ansicbtskarten, Olbilder, Messer und Marmorfigiirchen.
Die Stadt \vird nicht besicbtigt sondern eingekauft. Im
Koffer des Matrosen liegt der Ledergurt aus Hongkong
neben dem Panorama von Palermo und einem Madchen-
photo aus Stettin. Genau so ist ihr wirklicbes Zuhause.
Sie wissen nichts von einer Nebelferne, in der dem Burger
fremde Welten liegen. Was sicb in jeder Stadt am ersten
durcbsetzt, ist der Dienst an Bord und dann das deutsche
Bier, die engliscbe Rasierseife und der hollandische Tabak.
Bis in die Knocben ist die internationale Norm der In-
dustrie fur sie prasent, sie sind nicht dupe der Palmen und
Eisberge. Der Seemann hat die Nahe ,gefressen', und zu
ibm reden nur exakteste Nuancen. Er kann die Lander
besser nach der Zubereitung ihrer Fische als nach dem
Hausbau und Dekor der Landschaft unterscheiden. Er ist
dermaBen im Detail zu Hause, da6 ihm im Ozean die
Routen, wo er andere Schiffe schneidet (und mit Sirenen-
geheul, die seiner eigenen Firma begriiBt), larmende Fahr-
straBen werden, auf denen man ausweichen muB. Er
wobnt auf offenem Meer in einer Stadt, wo auf der mar-
seillaiser Cannebiere eine Kneipe aus Port Said scbrag
gegeniiber einem hamburger Freudenhaus und das napo-
letanische Castel del Ovo auf der Plaza Cataluna Barce-
lonas sich befindet. Bei Offizieren hat die Heimatstadt
noch den Primat. Dem Leichtmatrosen aber, oder dem
Heizer, den Leuten, deren transportierte Arbeitskraft im
Schiffsrumpf Fiihlung mit der Ware halt, sind die ver-
schrankten Hafen nicht einmal mehr Heimat sondern
Wiege. Und wenn man ihnen zuhort, wird man inne,
welche Verlogenheit im Reisen steckt.
3ETTELN UND HAUSIEREN VERBOTEN!
Den Bettler ehrten alle Religionen hoch. Denn er belegt,
daB Geist und Grundsatz, Konsequenzen und Prinzip in
einer so nxichternen und banalen als heiligen und leben-
spendenden Sache, wie das Almosengeben es war, schmfih-
lich versagen.
Man fiihrt Klage iiber die Bettler im Siiden und man ver-
giBt, daB ihr Bebarren vor unserer Nase so gerechtfertigt
ist, wie die Obstination des Gelehrten vor scbwierigen
Texten. Kein Scbatten des Zogerns, kein leisestes Wollen
oder Erwagen, das sie in unseren Mienen nicht ausspiirten.
Die Telepathie des Kutschers, der uns mit seinem Ruf
erst deutlich macht, da8 wir nicht abgeneigt zu fahren
sind, des Kramers, der aus seinem Plunder die einzige
Kette oder Kamee, die uns reizen konnte, heraushebt,
sind vom gleichen Scblage.
EUM PLANETARIUM
Wenn man, wie einst Hillel die jiidische Lebre, die Lehre
der Antike in aller Kiirze, auf einem Beine fuBend, aus-
zusprechen batte, der Satz miiBte lauten: „Denen allein
wird die Erde gehoren, die aus den Kraften des Kosmos
leben." Nicbts unterscbeidet den antiken so vom neueren
Menschen, als seine Hingegebenheit an eine kosmiscbe
Erfahrung, die der spatere kaum kennt. Ihr Versinken
kiindigt schon in der Bliite der Astronomie zu Beginn der
Neuzeit sich an. Kepler, Kopernikus, Tycho de Brahe
waren gewiB nicht von wissenschaftlichen Impulsen allein
getrieben. Aber dennoch liegt im ausschlieBlichen Be-
tonen einer optischen Verbundenheit mit dem Weltall, zu
dem die Astronomie sebr bald gefuhrt hat, ein Vorzeichen
dessen, was kommen muBte. Antiker Umgang mit dem
Kosmos vollzog sich anders : im Rausche. 1st doch Rausch
die Erfahrung, in welcher wir allein des Allernachsten und
des Allerfernsten, und nie des einen ohne des andern, uns
versichern. Das will aber sagen, daB rauschhaft mit dem
Kosmos der Mensch nur in der Gemeinschaft kommuni-
zieren kann. Es ist die drohende Verirrung der Neueren,
diese Erfahrung fur belanglos, fur abwendbar zu halten
und sie dem Einzelnen als Schwarmerei in schonen Ster-
nennachten anheimzustellen. Nein, sie wird je und je von
neuem fallig, und dann entgehen Volker und Geschlechter
ihr so wenig, wie es am letzten Krieg aufs furchterlichste
sich bekundet hat, der ein Versuch zu neuer, nie erhorter
Vermahlung mit den kosmischen Gewalten war. Men-
schenmassen, Gase, elektrische KrMfte wurden ins freie
Feld geworfen, Hochfrequenzstrome durchfuhren die
Landschaft, neue Gestirne gingen am Himmel auf, Luft-
raum und Meerestiefen brausten von Propellern, und
allenthalben grub man Opferschachte in die Muttererde.
Dies groBe Werben um den Kosmos vollzog zum ersten
Male sich in planetarischem MaBstab, namlich im Geiste
der Technik. Weil aber die Profitgier der herrschenden
Klasse an ihr ihren Willen zu biiBen gedachte, hat die
Technik die Menschheit verraten und das Brautlager in
ein Blutmeer verwandelt. Naturbeherrschung, so lehren
die Imperialisten, ist Sinn aller Technik. Wer mochte aber
einem Prugelmeister trauen, der Beherrschung der Kinder
dureh die Erwachsenen fiir den Sinn der Erziehung er-
klaren wtirde ? 1st nicht Erziehung vor allem die unerlaB-
liche Ordnung des Verhaltnisses zwischen den Genera-
tionen und also, wenn man von Beherrschung reden will,
Beherrschung der Generationsverhaltnisse und nicht der
Kinder? Und so auchTechnik nicht Naturbeherrschung :
Beherrschung vom Verhaltnis von Natur und Menschheit.
Menschen als Spezies stehen zwar seit Jahrzehntau*
senden am Ende ihrer Entwicklung ; Menschheit als Spe-
zies aber steht an deren Anfang. Ihr organisiert in der
Technik sich eine Physis, in welcher ihr Kontakt mit
dem Kosmos sich neu und anders bildet als in Volkern und
Familien. Genug, an die Erfahrung von Geschwindig-
keiten zu erinnern, kraft deren nun die Menschheit zu un-
absehbaren Fahrten ins Innere der Zeit sich riistet, um
dort auf Rhythmen zu stoBen, an denen Kranke wie
vordem auf hohen Gebirgen oder an siidlichen Meeren sich
kraftigen werden. Die Lunaparks sind eine Vorform voh
Sanatorien. Der Schauer echter kosmischer Erfahrung ist
nicht an jenes winzige Naturfragment gebunden, das wir
„Natur" zu nennen gewohnt sind. In den Vernichtungs-
nachten des letzten Krieges erschtitterte den Gliederbau
der Menschheit ein Gefuhl, das dem Gliick der Epileptiker
gleichsah. Und die Revolten, die ihm folgten, waren der
erste Versuch, den neuen Leib in ihre Gewalt zu bringen.
Die Macht des Proletariats ist der Gradmesser seiner Ge-
sundung. Ergreift ihn dessen Disziplin nicht bis ins Mark,
so wird kein pazifistisch.es Raisonnement ihn retten. Den
Taumel der Vernichtung uberwindet Lebendiges nur im
Rausche der Zeugung.
INHALT
Tankstelle 7
Friihstucksstube 7
Nr. 113 8
Fur Manner 10
Normaluhr , 10
Kehie zuriick! Alles vergeben! . 10
HocKherrschaftlich moblierte
Zehnzimmerwohnung 11
Chinawaren 12
Handschuhe 14
Mexikanische Botschaft 14
Diese Anpflanzungen sind dem
Scbutze des Pnblikums emp-
fohlen 15
Baustelle 16
Ministerium des Innem 17
Flagge - 18
- auf Halbmast 18
Kaiserpanorama 18
Tiefbauarbeiten 27
Coiffeur fur penible Damen .... 27
Achtung Stufen! 27
Vereidigter Biicherrevisor 28
Lehrmittel 30
Deutsche, trinkt deutsches Bier ! 31
Ankleben verboten! 32
Nr. 13 36
Waffen und Munition 37
Erste Hilfe 37
Innenarcbitektur 38
Papier- und Schreibwaren ..... 38
Galanteriewaren 39
YergroBerungen 40
Antiquitaten 45
Uhren und Goldwaren 46
Bogenlampe 47
Loggia 48
Fundbtiro 48
Halteplatz fur nicht mehr als 3
Drosehken 49
Kriegerdenkmal 50
Feuermelder 51
Reiseandenken 52
Optiker 55
Spielwaren 56
Poliklinik 62
Diese Flachen sind zu vermieten 63
Bfirobedarf 64
Sttickgut: Spedition und Ver-
packung 65
Wegen Umbau geseblossen .... 65
„Augias", Automatisches Restau-
rant 65
Briefmarkenhandhmg 66
Si parla italiano. 70
Technische Nothilfe 70
Kurzwaren 71
Steuerberatung 71
Rechtsschutz fflr Unbemittelte 73
Nachtgloeke zum Arzt 74
Madame Ariane zweiter Hof links 74
Maskengarderobe 76
Wettannahme 77
Stehbierhalle 78
Betteln und Hausieren verboten ! 80
Zum Planetarium 80
Von demselben Verfasser erschienen:
DER BEGRIFF DER KUNSTKRITIK IN
DER DEUTSCHEN ROMANTIK
Bern 1920. Verlag von A. Francke
URSPRUNG DES DEUTSCHEN TRAUER-
SPIELS
Berlin 1928. Ernst Rowohlt Yerlag
In Vorbereitung :
GOETHES WAHLVERWANDTSCHAFTEN
Berlin 1928. Ernst Rowohlt Verlag
tJbersetzung:
CHARLES BAUDELAIRE: TABLEAUX
PARISIENS
Deutsche Ubertragung mit einem Vorwort iiber die Aufgabe
des Ubersetzers.
Heidelberg 1923. Verlag von Richard Weifibach
In Gemeinschaft mit Franz Hessel:
MARCEL PROUST: IM SCHATTEN DER
JUNGEN MADCHEN
Berlin o. J. Verlag Die Schmiede